Autor: © Reinhold Wulff, Berlin

Gustav Frenssen war Theologe, Bestsellerautor mit Millionenauflage, Wegbereiter des Nationalsozialismus - und heute (zu recht?) fast vergessen.

Gustav Frenssen (1863 - 1945) gelang zu Beginn dieses Jahrhunderts der Sprung vom schleswig-holsteinischen Heimatdichter zum international erfolgreichen Schriftsteller, der sich in den 1920er Jahren - nicht ganz unberechtigte - Hoffnungen auf den Literaturnobelpreis machen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch wurde sein Werk mehr oder weniger vergessen, Neuauflagen in den 1950er Jahren hatten nur mäßigen Erfolg und selbst der Versuch der literarischen Ehrenrettung durch Arno Schmidt in einen seiner Radiofuilletons erweckte Frenssens Schöpfungen nicht wieder zum Leben. Im neuen Literatur Lexikon bei Kindler werden nur zwei seiner Werken besprochen, mit abschätzigem Unterton. Inwieweit dieses heutige Desinteresse an Gustav Frenssen auf dessen Engagement für den Nationalsozialismus beruht oder aber an der geringen künstlerischen Qualität seines Schaffens, versuchen Beiträger (und eine Beiträgerin) in einem Sammelband zu Leben und Werk "eines der umstrittensten Dichter der deutschen Literatur" (so der "Waschzettel" des Verlags) zu klären.


Kay Dohnke/Dietrich Stein (Hrsg.)
Gustav Frenssen in seiner Zeit
Heide: Boyens & Co., 1997
504 S., DM 48,--


Über ein Viertel des Buchumfangs macht der biographische Artikel über Frenssen vom Mitherausgber des Bandes, Dietrich Stein, aus. Er begründet die Gründlichkeit seines Beitrages mit dem Fehlen jeder modernen, wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdenden Biographie zu Frenssen. Auf fast 150 Seiten legt Stein nun einen Bericht vor, der jede Ecke des Frenssenschen Lebens zu beleuchten versucht, mit bemerkenswerten Fotos aus dem Leben des Dichters und seiner Familie illustriert - und der trotz des Fleißes enttäuscht. Obwohl durch die Kapitelüberschriften ein streng chronologischer Durchgang durch das Leben vorgegeben wird, ist die Darstellung sehr sprunghaft, immer wieder gibt es Rückblicke - dabei kommt es teilweise zu unnötigen Wiederholungen bereits Gesagten, diese hätte das Lektorat tilgen müssen! - oder Vorgriffe auf spätere Etappen des Lebenswerkes. Über 400 Anmerkungen versuchen dem Text sein wissenschaftliches Gepräge zu geben, da diese aber ans Ende des Artikels verbannt sind (wie unglücklicherweise bei allen Aufsätzen), führen sie zu einem dauernden Hin- und Herblättern im Buch und tragen zum Mißvergnügen beim Lesen bei. Ein weiterer Faktor für dieses sich beim Lesen ausbreitende Gefühl ist die offensichtliche Zerrissenheit des Autors in seiner persönlichen Beurteilung des Schriftstellers, Stein schwankt zwischen einer Anerkennung des jungen Frenssen als fortschrittlichen Theologen und der Verurteilung des rassistischen Gedankengutes, das Frenssen immer stärker ausbildete und publizierte.

Anders hingegen die Anmerkungen des Mitherausgebers Kay Dohnke zur politisch-ideologischen Publizistik Gustav Frenssens. Dohnke weist erstmals (wohl weitgehend vollständig) die oft übergangenen publizistisch-journalistischen Artikel Frenssens nach und kommentiert sie streng. Hier wird deutlich, daß trotz der Nähe auch zu sozialdemokratischen und demokratischen Gedanken Frenssens Weltbild schon sehr früh nicht nur von einer dithmarsischen Bauernromantik, sondern vielmehr noch von national-chauvinistischen und rassistischen Gedankengängen geprägt war. Es erscheint mithin nur konsequent, wenn faschistische Ideologen und Politiker wie Reichspropagandaminister Joseph Goebbels oder der Gauleiter in Schleswig-Holstein, Hinrich Lohse, in Frenssen einen Gesinnungsgenossen sahen und ihn mit Ehrenbezeigungen überhäuften. Die von Dohnke zitierten Textpassagen entlarven einen widerlichen Antisemitismus, Führerkult und Opportunismus und setzen zudem ein großes Fragezeichen hinter die schriftstellerische Qualität des Autors. Mancher Text entgleist ob seiner ideologischen Verquastheiten auch stilistisch. So heißt es im April 1942 zu "Führers Geburtstag": "Aber dann kam Er! Wie war er anders! Wie riß er das ganze deutsche Volk hoch! Von unten herauf, das ganze deutsche Volk! Wie pflügte er, schwer und tief, der größte Pflüger, den die Deutschen gesehn, stöhnend in Mühe und Arbeit, fünfzehn Jahre lang, bis in die Tiefen, bis in den Grund der deutschen Seelen, aller deutschen Seelen!" Die Ausrufezeicheninflation, nicht nur in diesem Text, zeigt deutlich Pathos und Inbrunst, mit denen Frenssen die nationalsozialistische Ideologie unterstützte. Und Sprache und Stil machen Arno Schmidts Versuch der Ehrenrettung dieses Autors fragwürdig, ebenso wie die hier in zwei Aufsätzen von Thomas Krömmelbein versuchte Inbezugsetzung Frenssenscher Werke zum Oeuvre von Charles Dickens oder Knut Hamsun.

Vier Aufsätze ordnen das Werk von Frenssen in die deutsche Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein bzw. interpretieren Einzelwerke. Uwe-K. Ketelsen zeigt Parallelen und Abgrenzungen zu anderen Schriftstellern, Klaas Jarchow interpretiert den Roman Jörn Uhl als Initiation des Schriftstellers, der Roman Hilligenlei wird von Max Friedrich Jensen als "...ein Feuer- und Wahrzeichen für den Weg in eine neue Zeit" gedeutet, ein Stück Kolonialliteratur wird mit Peter Moors Fahrt nach Südwest von Rolf Meyn vorgestellt.

Manfred Karl Adam zeigt uns Frenssen als Prediger des Evangeliums vor, der sich schließlich zum Gegner der Kirche entwickelte, anhand breiter, aufschlußreicher Passagen aus dem Briefwechsel von Frenssen mit seinem Dithmarscher Mitschüler und Literaturkritiker Adolf Bartels schildert Thomas Neumann, wie deren Unverständnis füreinander bis zum Haß eskalierte.

Weitere Beiträge analysieren die Stellung der Frau im Werk Frenssens (Kornelia Küchmeister), seinen Nachlaß (dieselbe) und die Rezeption Frenssens nach dem Zweiten Weltkrieg (Frank Trende). Kay Dohnke trägt abschließend eine Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur von und zu Fenssen zusammen. Ein Personenregister beschließt den Band.

Insgesamt ist der Band schön anzuschauen, der erste Teil bleibt fast ohne Druckfehler, mit zunehmender Seitenzahl steigt leider deren Häufigkeit, ärgerlich ist das schon erwähnte Verweisen der Anmerkungen ans Ende der Artikel. Da zudem jeder Beitrag über ein ausführliches Literaturverzeichnis verfügt, die dort angegebenen Titel verständlicherweise immer wiederkehren und zudem am Ende des Bandes noch eine Bibliographie steht, hätte man durch ein Zusammenfassen aller Einzellisten zu einer einzigen am Ende des Buches bestimmt ein oder zwei Bogen Papier einsparen können. Inhaltlich erscheint mir der Umgang mit Frenssen von den meisten Autoren zu behutsam, Kay Dohnkes Verdikt zu Frenssens Werk möchte ich mich anschließen: "Auch Frenssens Romane und Erzählungen bedürften vor dem Hintergrund der ... dargelegten ideologischen Dimensionen einer kritischen Revision. Frenssen hat in seinem Schreiben eine Schwelle überschritten, hinter die es kein Zurück mehr gibt. Selbst wenn man seine übelsten Ausfälle der späten Jahre für die Produkte eins verblendeten alten Mannes halten, den Autor also nachträglich entmündigen wollte - die Existenz und Wirkung der Texte ist dadurch nicht ungeschehen zu machen."