Ziele und Design der Projekte NOVARA und SABA

 

Im Projekt NOVARA (Noten- oder Verbalbeurteilung? Akzeptanz, Realisierung und Auswirkungen) ging es um die Analyse aktueller Transformationsprozesse in Ost- und Westberliner Grundschulen, und zwar am Beispiel der Zeugnisreform, die das Ersetzen der Notenzeugnisse durch Berichtszeugnisse vorsieht. Der Verzicht auf Notengebung und die Einführung der verbalen Beurteilung sind Kernstück der Grundschulreform, die auf individuelle Förderung aller Kinder, ermutigende Erziehung und Anhebung der Chancengerechtigkeit abzielt. Befürworter der verbalen Beurteilung erwarten positive Effekte auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und eine größere pädagogische Wirksamkeit. Umfassende empirische Belege dafür fehlen jedoch. In Berlin wurde eine empirische Untersuchung unterschiedlicher Bewertungssysteme durch geeignete Rahmenbedingungen ermöglicht, denn mit der Übernahme des Westberliner Schulgesetzes werden in der sechsjährigen Berliner Grundschule seit dem 1. 8. 1991 in der ganzen Stadt in der 1. Klasse keine Noten erteilt und auch in den Klassenstufen 2 bis 4 können Noten durch verbale Beurteilungen ersetzt werden.

Im Projekt NOVARA wurde die Realisierung der verbalen Beurteilung im West- und im Ostteil der Stadt untersucht. Dabei wurden drei Hauptziele verfolgt:

(1)   Ermittlung der Akzeptanz der verbalen Beurteilung bei den Beteiligten (Kindern, Lehrkräften, Eltern),

(2)   Ermittlung der Realisierung der Verbalbeurteilung durch die Lehrkräfte,

(3)   Ermittlung von Auswirkungen: Vergleich von Schülern und Schülerinnen aus Klassen mit und ohne Noten in bezug auf zahlreiche schulbezogene Persönlichkeitsmerkmale (s. Abbildung 1).

Im Projekt SABA (Schulische Adaptation und Bildungsaspiration) wurde die Längsschnittstudie zur Erfassung der Entwicklung von Schulleistungen, Einstellungen und schulbezogenen Persönlichkeitsmerkmalen von SchülerInnen bis zum Ende der sechsjährigen Grundschulzeit fortgesetzt. (Das ebenfalls von der DFG geförderte Projekt SABA Plus setzt diesen Längsschnitt in den weiterführenden Schulen fort.)

Abbildung 1 gibt einen Überblick über das Design der Untersuchung. Der 8. MZP am Ende des 6. Schuljahrs ist in der Abbildung nicht enthalten, da er sich zum großen Teil auf SABA Plus bezieht. Einige der dort erfassten Variablen (IQ, Schulleistungen) werden aber in diesem Bericht berücksichtigt.

Überblick über die Messzeitpunkte von NOVARA/SABA und die jeweils erhobenen Variablen

 

Untersuchungsgegenstand Probanden MZP1 Beginn 2. Kl. MZP2 2 Hj. d. 2. Kl. MZP3 Beginn 3. Kl. MZP4 2 Hj. d. 3. Kl. MZP5 Beginn 4. Kl. MZP6 Beginn 5. Kl. MZP7 Beginn 6. Kl.
Beurteilungsformen: Akzeptanz und Funktion Eltern   X         X
Beurteilungsformen: Akzeptanz und Funktion Lehrer   X       X  
Beurteilungsform: Konzept, Akzeptanz und Funktion Kinder X   X X X   X
Realisierung der Zeugnisse: Lehrer              
Auswirkungen:
Persönlichkeitsvariablen:
Absolutes Fähigkeitsselbstbild
Kinder X X X X X X  
Relatives Fähigkeitsselbstkonzept Kinder X X X X X X X
Lernfreunde Kinder X X X X X X X
Subjektive Aufgabenschwierigkeit Kinder X X   X X X X
Erklärungsvorstellung bei Erfolg und Misserfolg* Kinder X X   X X X X
Leistungsmotivation Kinder X     X      
Eigenschaftsängstlichkeit Kinder X     X      
Leistungsängstlichkeit Kinder     X   X X X
Selbstwert Kinder         X X X
X***
Weitere Variablen
Intelligenz
Kinder   X    
Allgemeine Schulleistung** Kinder   X   X X X X***
Zensuren Kinder   X X X X X X
Konzentration             X  

 

*    Vom 5. MZP an wurde lediglich nach den Erklärungsvorstellungen von Misserfolg gefragt.

**  Die Schulleistung wurde jeweils am Ende des zweiten Halbjahres erhoben, da dies für die

      hierfür eingesetzten Tests so vorgesehen ist.

*** wurde zum 8. MZP am Ende des 6. Schuljahrs erhoben.

Stichprobe

Die Ausgangs-Stichprobe umfasst Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern und Lehrkräfte aus 41 Klassen von 23 Schulen in 15 Berliner Bezirken (20 Klassen aus dem Ostteil, von denen am Beginn der Untersuchung im 2. Schuljahr 11 verbal beurteilt wurden, und 21 Klassen aus dem Westteil der Stadt, unter ihnen 15 mit verbaler Beurteilung in der 2. Klasse). Im Verlauf des Projekts ist leider ein über Erwarten großer Rückgang an Klassen mit verbaler Beurteilung zu beklagen. In der 3. Klasse wurden nur noch fünf Klassen im Westteil und eine Klasse im Ostteil verbal beurteilt. In der 4. Klasse verblieb uns nur noch eine Westberliner Klasse mit verbaler Beurteilung. Dieser starke Rückgang entspricht dem allgemeinen Trend an Berliner Grundschulen. Gleichzeitig schrumpfte auch im Laufe des Projekts die Anzahl der teilnehmenden Klassen aus Westberlin, und zwar in Klasse 3 auf 19, in Klasse 4 auf 18, in Klasse 5 auf 18 und in Klasse 6 auf 13. Grund war die Verweigerung der weiteren Teilnahme durch die Klassenlehrerin, wobei die Angst vor möglichen Schulleistungsvergleichen und einer externen Evaluation eine nicht unerhebliche Rolle spielte. (Im neuen Berliner Schulgesetz ist übrigens vorgesehen, dass die Schulverwaltung externe Evaluationen in Bezug auf Schulleistungen anordnen kann.)

Ergebnisse des Projekts NOVARA 

Das komplette Ergebnis können Sie in folgendem Buch nachlesen:
Valtin, R. zusammen mit anderen: Was ist ein gutes Zeugnis? Noten und verbale Beurteilungen auf dem Prüfstand.
Weinheim: Juventa 2002
Vom Buchdeckel
:
Was ist ein gutes Zeugnis?
Noten und verbale Beurteilung auf dem Prüfstand

Leistungsbeurteilung gehört zum täglich Brot von Pädagogen und ist ein wichtiger Bestandteil der Berufsrolle. Problematisch ist dabei, dass Lehrerinnen und Lehrer ein Rollenspektrum zu erfüllen haben, das Spannungen, Ambivalenzen und Widersprüche in sich birgt. Der pädagogische Auftrag, ein Kind individuell zu fördern steht oft genug im Widerspruch mit dem gesellschaftlichen Auftrag von Schule, Ausleseentscheidungen zu treffen. Lehrer und Lehrerin tut gut daran, dabei die Erwartungen und Wünsche der Betroffenen, also der Kinder und ihrer Eltern, zu berücksichtigen. Aber was denken Kinder über ihre Zeugnisse? Welche Erwartungen haben die Eltern an die Grundschule und welche Wünsche hinsichtlich der Leistungsbewertung? Wirken sich noten wirklich schädlich und verbale Beurteilung günstig auf Persönlichkeitsentwicklung von Schülerinnen und Schülern aus? Welche Unterschiede gibt es in der Beruteilungspraxis? Wie fragwürdig ist die Notengebung wirklich?
Auf diese und andere Fragen gibt bislang ein einmaliges Forschungsprojekt zur Leistungsbeurteilung in der Grundschule umfassend Auskunft und liefert damit wichtige Orientierungshilfen für Lehrkräfte, Schulverwaltunsleute und Eltern.

Aus dem Inhalt:
Die Note als Giftpilz des Haus- und Schullebens?
Wofür braucht man ein Zeugnis? Zur Funktion von Zeugnissen aus der Sicht von Experten und Betroffenen.
Welche Einstellungen und Erwartungen haben Eltern in Bezug auf die Grundschule?
Welche Erfahrungen, Einstellungen und Wünsche haben Eltern in Bezug auf Notengebung und Verbalbeurteilung?
Was denken Kinder über ihre Zeugnisse?
Welche Zeugnisarten wünschen sich Schülerinnen und Schüler für ihre Grundschulzeit?
Eine Zwei ist eine Drei ist eine Vier. Oder: Sind Zensuren aus verschiedenen Klassen vergleichbar?
Wie werden Berichtszeugnisse realisiert?
Was ist ein gutes Berichtszeugnis?
Sind Lehrerinnen, die verbal beurteilen, reformorientierter?
Zu Unterrichtsorganisation und Rückmeldeverhalten
Wie wirken sich Notengebung und verbale Beurteilung auf die leistungsbezogene Persönlichkeitsentwicklung aus?
Grundschule und Leistungsbeurteilung - 
Anspruch und Wirklichkeit
Informationen zum Projekt Novara