Freundschaft und Liebe.

Persönliche Beziehungen im Ost/West- und im Geschlechtervergleich
(als Buch erschienen unter obigem Titel im Auer Verlag, Donauwörth 1997)

Freundschaften haben in den letzten Jahren einen immer höheren Stellenwert im Zusammenleben der Menschen erhalten und werden schon als "neue Familie" bezeichnet. Gesellschaftstheoretiker verweisen darauf, daß die Menschen durch den Modernisierungs­prozeß, der spätestens mit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, aus traditionalen Lebensformen und den damit vorgegebenen Sinnorientierungen freigesetzt und auf sich selbst und ihre individuelle Lebensplanung gestellt worden sind. Dieser Individualisierungsschub, zusammen mit den Unsicherheiten der "Risikogesellschaft" (Beck), wie sie durch atomare Bedrohung, ökologische Gefährdungen und Katastrophen gegeben sind, bestärkt offensichtlich den Wunsch des einzelnen nach vertrauten Nahräumen und Stabilität in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch da auch Ehe und Familienzusammenhalt lockerer oder sogar brüchig geworden sind, ist plausibel, daß das Bedürfnis nach verläßlichen Beziehungen, insbesondere Freundschaften, unter Erwachsenen tatsächlich gestiegen ist. Ob dies allerdings für alle, zum Beispiel für Frauen und Männer oder Personen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen, gleichermaßen der Fall ist, wurde bislang noch nicht eingehend erforscht.

Fragen der Untersuchung
In einer von Renate Valtin, Humboldt Universität Berlin, und Reinhard Fatke, Universität Zürich, durchgeführten Untersuchung, die durch Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde, wurden 64 Erwachsene eingehend interviewt. Dabei ging es um folgende Fragen: Wie gestalten Menschen ihre Freundschaftsbe­ziehungen? Welche Konzepte von Freundschaft haben sie? In welchen (Wechsel-)verhältnissen stehen Freundschaft und Liebe? Welche Unterschiede bestehen zwischen Männern und Frauen und zwischen Personen aus dem Westteil und dem Ostteil (ehemals DDR) von Berlin? Da die Interviews relativ kurz nach dem politischen Umbruch stattfanden, ist damit zu rechnen, daß die Freundschafts­vorstellungen der Befragten noch nicht allzu stark von den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, welche die sog. "Wende" mit sich brachte, geprägt gewesen sind.

Stichprobe und Methode
Die Stichprobe bildeten insgesamt 64 Personen, davon je zur Hälfte Männer und Frauen, Personen aus dem West- bzw. dem Ostteil, Studierende und Berufstä­tige. Die Vergleichbarkeit der Gruppen in bezug auf wichtige Merkmale ist ge­geben. Dennoch sind die vier Untergruppen natürlich keineswegs repräsentativ. In der Stichprobe überwiegen akademisch gebildete Personen, die zum großen Teil aus erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Bereichen kommen. Es kann also vermutet werden, daß es sich um einen Kreis von Personen handelt, der sich im Rahmen ihres akademischen Bildungsgangs oder ihrer beruflichen Tä­tigkeit mit Fragen der sozialen Beziehungen befaßt und - verglichen mit der Ge­samtbevölkerung - ein höheres Niveau in bezug auf soziales Reflexionsvermögen aufweist.
Als Methode wurde das Einzelinterview gewählt, das sich an einem Leitfaden orientierte. Das Interview dauerte etwa ein- bis eineinhalb Stunden. Zum Status der Interviewäußerungen ist anzumerken, daß es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auch um Antworten im Sinne der sozialen Erwünschtheit handelt. Dies halten die Autoren allerdings sogar für einen Vorteil, da dadurch vermut­lich kulturelle Deutungen in die Antworten eingehen, die zu einer Akzentuie­rung gruppenspezifischer Unterschiede, die ja untersucht werden sollten, beitra­gen dürften.

Ergebnisse
Zwischen Erwachsenen aus Ost- und Westberlin zeigten sich etwa ein Jahr nach der Vereinigung folgende Unterschiede:

Insgesamt stehen diese Ergebnisse zu den Ost/West-Unterschieden im Einklang mit der soziologischen These, daß Freund­schaftsbezie­hungen an die Struktur der Gesellschaft gebunden sind. In einer fest­gefügten Gesellschaft wie der DDR mit restriktiven gesell­schaft­lichen und politischen Bedingungen wurde den Freundschafts­bezie­hungen eine andere Funk­tion und Qualität zugemessen. Freund­schaften waren nicht in hohem Maße personalisiert, sondern an festen Inhalten von Freundschaftspflichten, wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Unterstützung und Hilfsbereitschaft vor allem auch in praktischen Belangen, orientiert. In einer hochdifferenzierten Gesellschaft wie der BRD, in der die gegebenen sozialen Beziehungen und Rollen nicht mehr zur Orientierung des Individuums ausreichen, haben die Menschen einen größeren Bedarf nach Personalisierung ihrer Freundschaftsbeziehungen, die sich durch hohe Ansprüche an Emotionalität, Intimität und personale Selbstentfaltung auszeichnen.

Beim Vergleich von Männern und Frauen zeigen sich zahlreiche Differenzen hinsichtlich Anzahl und Geschlecht der Freunde sowie hinsichtlich Qualität und Bedeutung von Freundschaft:

Ferner zeigten sich in dieser Studie verschiedene Freundschafts­typen, die sich vor allem hinsichtlich ihrer Ansprüche an Perso­nalisierung und hinsichtlich der Gewichtung, die den Qualitäten und Funktionen der Freundschaft zugemes­sen werden, unterscheiden.

Typ I: mit geringen Ansprüchen an die Personalisierung der Freundschaft, wobei sich zwei verschiedene Ausprägungen ergaben: zum einen die Selbstgenügsamen, die nur einen einzigen Freund haben, und zum anderen die Geselligen, die eine große Zahl von Bekannten ihre Freunde nennen. In beiden Fällen werden mit den Freunden vor allem gemeinsame Freizeitaktivitäten unternommen. Außer dieser Geselligkeit werden auch Beistand und praktische Unterstützung in schwierigen Situationen des Alltags hervorgehoben. Personen dieses Typs schätzen offenbar mehr rollen- als personenbezogene Attribute von Freunden und erwarten Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft und Höflichkeit. Dieser Freundschaftstyp findet sich bei den Befragten vorwiegend unter den Männern und dort vor allem bei den Ostberlinern.

Typ II: mit mittleren Ansprüchen an die Personalisierung von Freundschaft: Für Personen dieses Typs sind in bezug auf die Funktionen der Freundschaft vor allem gemeinsame, vertraute und auch intime Gespräche sowie seelischer und praktischer Beistand wichtig. Sie legen aber auch Wert auf die zu wahrenden Grenzen. Dieser Typ findet sich am häufigsten unter den befragten Ostberliner Frauen.

Typ III: mit hohen Ansprüchen an die Personalisierung von Freundschaft: Personen dieses Typs haben sehr hohe Erwartungen an Emotionalität und Intimität in der Freundschaft. Selbstverwirklichung (Selbst-sein-Können, Selbstentfaltung) bildet für sie eine ganz wichtige Funktion der Freundschaft. Sie pflegen enge Freundschaften zumeist mit wenigen Personen desselben Geschlechts. In dieser Studie ist dieser Typ besonders häufig unter den Westberliner Frauen zu finden.

Ausblick

Es ist damit zu rechnen, daß traditionelle Wertorientierungen und Lebensvorstellungen sich erst in einem langsamen Prozeß verändern werden. Das heißt aber auch, daß die in dieser Studie festgestellten Unterschiede in wichtigen Dimensionen zwischenmenschlicher Beziehungen, wie Vertrauen, Höflichkeit, Ehrlichkeit/Offenheit, Treue, noch lange fortbestehen und die sozialen Beziehungen zwischen Menschen aus Ost und West beeinflussen und beeinträchtigen werden. Mit der fortschreitenden Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen ist jedoch langfristig damit zu rechnen, daß auch für die Ostdeutschen die Bedeutung von Freundschaft für die Selbstverwirklichung und die Sicherung und Bestätigung von Individualität zunehmen wird.