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Erstellen barrierearmer Dokumente mit Acrobat. Dokumentation einer Buchpublikation

Einleitung

Im Rahmen der Dokumentation berichte ich, was zu beachten ist, wenn man ein Dokument barrierearm1 veröffentlichen möchte. Diese Dokumentation habe ich im Rahmen meiner Hiwi-Tätigkeit am WZB erstellt. Im Dezember 2019 bis März 2020 war eine meiner Aufgaben, das Buch von Anne Piezunka Ist eine gute Schule eine inklusive Schule? Entwicklung von Messinstrumenten durch Schulinspektionen (2020) so zu bearbeiten, dass es als barrierearmes E-Book veröffentlicht werden kann.2

Im folgenden Abschnitt fasse ich zunächst die Anforderungen an ein barrierarmes Dokument zusammen und verweise auf weitere Literatur zum Thema barrierefreie Informationen. Anschließend berichte ich am Beispiel der Buchpublikation (Piezunka, 2020), wie wir vorgegangen sind, um die Verlagsversion des E-Books im PDF-Format barrierearm zur Verfügung zu stellen. Die Nachbearbeitung des PDFs erfolgte mit dem Programm Acrobat Pro von Adobe (2015). Die Dokumentation des konkreten Beispiels kann anderen, die sich an die Publikation barrierearmer Dokumente wagen, als Orientierung dienen. Sie ist jedoch keine schrittweise technische Anleitung zur Erstellung eines barrierearmen Dokumentes, sondern gibt einen Überblick über den Prozess und verweist auf weitere Quellen, die die genauere Umsetzung beschreiben.

Ich berichte von meiner Bearbeitung des Buches und die Erstellung eines barrierearmen PDF-Dokumentes. Vorher habe ich mir kaum Gedanken über barrierearme Dokumente oder ein barrierefreies Internet gemacht. Ich habe, als ich vor fünf Monaten zum ersten Mal als studentische Hilfskraft zu barrierefreier Publikation recherchiert habe, bei null angefangen und bin noch lange kein Profi. Mit der Dokumentation möchte ich allen, die darüber nachdenken, Arbeiten barrierearm zu publizieren einen kurzen Überblick bieten und meine Erfahrungen teilen.

Was macht ein Dokument barrierefrei?

Barrierefreiheit bedeutet für elektronische Dokumente, dass Menschen mit Behinderung das Dokument ohne fremde Hilfe nutzen können. Dazu gehört, dass sie das Dokument verstehen, navigieren und mit ihm interagieren können (Einfach für Alle, 2020). Der Anspruch der Barrierefreiheit hilft auch anderen Menschen, die Inhalte aufzunehmen. Nicht jede:r kann komplizierte Sätze oder wissenschaftliche Fachsprache verstehen. Eine Formulierung in Leichter Sprache oder einfacher Sprache macht Dokumente für mehr Menschen zugänglich. Wenn Menschen eine Sehbeeinträchtigung haben, in ihrer Bewegung eingeschränkt sind oder wegen einem gebrochener Arm den Computer nicht wie gewohnt bedienen können, helfen ihnen barrierearme Dokumente, den Inhalt flexibler an ihre Situation angepasst aufzunehmen. Es gibt daher sehr viele verschiedene Formen der Barrierefreiheit.

In der Dokumentation konzentriere ich mich darauf, zu berichten, wie ich das Dokument bearbeitet habe, um es für Menschen mit Sehbehinderung zugänglich gemacht habe. Dafür ist es wichtig, dass ein Vorleseprogramm (Screenreader) den Dokumenteninhalt verarbeiten kann. Ein Vorleseprogramm wandelt den geschriebenen Text in gesprochenes Wort um. Um ein Buch gut verstehen zu können, reicht es aber nicht aus, nur den Text zu haben. Auch die Gliederung in Kapitel und Abschnitte und die jeweiligen Überschriften vermitteln wichtige Informationen. Wenn diese Gliederungsmerkmale im Dokument elektronisch hinterlegt werden, können Bildschirmleseprogramme ansagen, in welcher Beziehung ein Textabschnitt zum Gesamttext steht. Die elektronische Angabe von Gliederungsmerkmalen nennt man Tags. Wie Tags funktionieren, erkläre ich im nächsten Abschnitt. Als weiteren Aspekt der Barrierefreiheit enthält das Buch eine Zusammenfassung orientiert an Leichter Sprache. Ich gehe im übernächsten Abschnitt kurz darauf ein, was das bedeutet.

Tag-Struktur

Menschen mit Sehbehinderung können zum Beispiel mit einem Vorleseprogramm den Inhalt elektronischer Dokumente erfassen. Damit Leseprogrammen die Struktur des Dokuments zugänglich ist, braucht es Tags mit Informationen zur Dokumentenstruktur. Um zu erklären, wie Tags funktionieren, nutze ich das Format html, weil dort die Tag-Struktur klarer ist. html, das Format auf dem Internetseiten basieren, ist grundsätzlich in einer Tag-Struktur aufgebaut. Das heißt, es gibt bestimmte Codes, die anzeigen, wie der Dokumenteninhalt gegliedert ist. Es gibt Tags für Überschriften, für Absätze, Listen, Tabellen und so weiter. Ein Code-Schnipsel aus einem html, das den Anfang dieser Dokumentation anzeigen würde, sieht zum Beispiel so aus:

<div id="einleitung" class="section level1">
<h1>Einleitung</h1>
<p>Im Rahmen der Dokumentation berichte ich, 
was zu beachten ist, wenn man ein Dokument 
barrierearm veröffentlichen möchte. [...] </p>
</div>

Im Browser, der das html-Dokument liest, werden die Tags dann so umgewandelt, dass Sehende die Gliederung visuell erkennen können. So markieren die Tags <h1> und </h1> beispielsweise, dass das, was sich dazwischen befindet, eine Überschrift der Ebene 1 ist. Für Sehende wird die Überschrift dann als Überschrift angezeigt, weil sie größer als der normale Text ist. Im Leseprogramm kann man zum Beispiel einstellen, dass folgendes angesagt wird, wenn ein Überschriften-Tag im Dokument ist: “Überschrift Ebene 1: Einleitung.”

Weil das html-Format grundsätzlich auf Tags basiert, ist dort die Barrierefreiheit meistens auch besser umgesetzt. In PDF-Dokumenten muss nicht unbedingt eine Tag-Struktur vorliegen. Wenn Dokumente nicht tagged sind, macht das für sehende Leser:innen erstmal keinen Unterschied. In Leseprogrammen erscheinen sie aber wie eine ganz lange unstrukturierte Schriftrolle, auf der der Text unformatiert herunter geschrieben ist. Barrierearme PDF-Dokumente sind so aufbereitet, dass eine nicht sichtbare Tag-Struktur im Hintergrund hinterlegt ist. An dieser Tag-Struktur können sich Leseprogramme orientieren.

Die Tags sind das Gegenstück zu den visuellen Merkmalen zur Gliederung des Dokuments. Ein Text aus dem nicht sichtbar wird, wie Sinneinheiten zusammenhängen, ist viel schwieriger zu erschließen. Daneben ermöglicht eine sinnvolle Struktur, dass gezielt nach Informationen gesucht werden kann. Leser:innen ohne Sehbehinderung sind es gewohnt, von Überschrift zu Überschrift zu springen oder Absätze anzulesen und zum nächsten Absatz überzugehen, wenn der Inhalt eines Absatzes für die Fragestellung an den Text nicht relevant erscheint. Auch mit Leseprogrammen ist das Springen zur nächsten Überschrift oder zum nächsten Absatz möglich, wenn die Überschriften oder Abschnitte durch entsprechende Tags markiert werden.

Darüber hinaus, gibt es Informationen, deren Aufnahme ohne die Struktur überhaupt nicht möglich ist. In einer Tabelle stellt die visuell erkennbare Anordnung Bezüge her, die in einem unstrukturierten Text nicht erkennbar sind. In Tabellen-Tags wird daher ersichtlich, zu welcher Spalte und Zeile ein Tabelleninhalt gehört. Wie genau das funktioniert erkläre ich in der Beschreibung der Umsetzung. Ein anderes Beispiel sind Abbildungen. In den Tags kann eine Alternativbeschreibung für Abbildungen hinterlegt werden, die dann vom Vorleseprogramm gelesen werden.

Leichte Sprache

Leichte Sprache oder einfache Sprache machen es möglich, dass Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten haben, lange und komplizierte Teste zu lesen, den Inhalt eines Dokuments zu verstehen. Die Verwendung von einfacher Sprache ist nicht nur für Menschen mit einer Lernbehinderung hilfreich, sondern sie ermöglicht es allen Menschen, die sich nicht so gut in einem Gebiet auskennen, den Inhalt einer wissenschaftlichen Arbeit verstehen. Leichte Sprache folgt klaren Regeln und soll von Expert:innen in eigener Sache auf Verständlichkeit geprüft. Ein gebräuchliches Regelwerk wurde beispielsweise vom Verein Netzwerk Leichte Sprache entwickelt und veröffentlicht (2014). Bei ihrer Buchpublikation hat Anne Piezunka (2020, S. 7) eine Zusammenfassung orientiert an Leichter Sprache geschrieben.

Zum Weiterlesen

Wer plant, sich weiter mit Barrierefreiheit zu beschäftigen, oder barrierearme Berichte, Bücher oder Lehrmaterial veröffentlichen möchte, kann auf den folgenden Internetseiten einen Überblick bekommen, was Barrierefreiheit bedeutet. Außerdem sind die Empfehlungen ein guter Einstieg, um zu anderen Internetseiten und Publikationen zum Thema Barrierefreiheit zu kommen.

Erstellung des barrierearmen Dokuments

Im dritten Kapitel der Dokumentation konzentriere ich mich darauf, von der Umsetzung des barrierearmen PDF-Dokuments in Acrobat Pro zu berichten. Hier steht die Zugänglichkeit für Leseprogramme (Screenreader) im Vordergrund. Zuerst fasse ich kurz zusammen, warum wir mit dem Programm Acrobat Pro gearbeitet haben und welche Vor- und Nachteile das hat. Anschließend berichte ich von den Arbeitsschritten, die ich durchgeführt habe, um ein barrierearmes PDF-Dokument zu erzeugen.

Mit welchen Programmen kann gearbeitet werden?

Die Nachbearbeitung von existierenden PDFs mit Acrobat Pro ist mit entscheidenden Nachteilen verbunden. Bessere und reproduzierbare Ergebnisse erhält man, wenn die Barrierefreiheit in den Ursprungsdokumenten hergestellt wird – also beim Schreiben und Setzen in Microsoft Word, Adobe In Design oder LaTeX.

  • Das Ergebnis einer Nachbearbeitung von existierenden PDFs führt im Vergleich zu einer Erstellung von barrierearmen Dokumenten zu weniger guten Ergebnissen. Die händische Nachbearbeitung in Acrobat ist mit vielen Klicks verbunden und daher sehr fehleranfällig. Außerdem lassen sich manchen Funktionen nachträglich nicht mehr erstellen. Ich konnte beispielsweise Abbildungen nicht mehr Absätzen zuordnen, die auf einer anderen Buchseite als die Abbildung waren. Eine bessere Zugänglichkeit eines PDFs ist erreichbar, wenn die Barrierearmut im Quelldokument hergestellt wird.
  • Außerdem bietet eine solches vorgehen die Möglichkeit, über Einstellungen von Standards Fehlerkorrekturen vorzunehmen. Bei der Nachbearbeitung in Acrobat Pro lässt sich keine Routine erstellen, die verlässlich bei Änderungen am Dokumenteninhalt die Barrierearmut wiederherstellt. Es ist also nicht möglich, ein einmal angefertigten Ergebnis ohne großen Aufwand zu reproduzieren oder gar auf andere Dokumente zu übertragen.

Alternative LaTeX

Das Buch von Anne Piezunka (2020) basiert auf ihrer Dissertation, die in LaTeX geschrieben wurde. Zuerst haben wir versucht, die Zugänglichkeit in LaTeX herzustellen. Dazu testeten wir verschiedene Packages, mit denen ein tagged PDF produziert werden kann. Das wohl am weitesten entwickelte Tool ist das accesibility-Package von Schalitz (2007; weiterentwickelt von Clifton, 2019). Weitere, bisher eher experimentelle Packages wären etwa tagpdf (Fischer, 2019) oder accsupp (Oberdiek, 2019). In der Umsetzung zeigte sich die Implementation im bestehenden LaTeX-Dokument als schwierig. Wegen Kompatibilitätsproblemen mit Compiler LuaLaTeX und anderen verwendeten Paketen, die teilweise notwendig waren um die Vorgaben des Verlags zu erfüllen, haben wir uns nach mehreren Versuchen dazu entschieden, das PDF in Acrobat Pro nach zu bearbeiten. Aber wer von Anfang an das Ziel einer barrierearmen Publikation verfolgt, sich in LaTeX besser auskennt und Bugs in Packages beheben kann, für die:den ist die Einbinden der Tag-Struktur in LaTeX sicherlich die nachhaltigere Alternative.3

Alternative Microsoft Word

Die Erstellung von barrierearmen Dokumenten erfordert keine Anwendung besonderer Werkzeuge, sondern vielmehr eine korrektes Formatieren und konsequentes Anwenden der Formatvorlagen. Beim Gestalten von barrierearmen Dokumenten ist die korrekte Formatierung besonders wichtig. Dazu gehört, dass visuelle Effekte nicht mit leeren Zeilen und doppelte Leerzeichen hergestellt werden und die Überschriften mithilfe der Formatvorlagen in eine geeignete Hierarchie gebracht werden, weil sonst im Hintergrund keine entsprechende Tag-Struktur entsteht. Darüber hinaus ist es wichtig, für Grafiken Alternativtexte einzufügen, die den Inhalt der Grafik erläutern. Word hat eine Funktion zum Prüfen der Barrierefreiheit. Meine Kollegin Clara Overweg, die barrierearme Dokumente mit Word erstellt hat, empfiehlt aber, dass es sicherer ist, das Dokument manuell durchzugehen und eventuelle Probleme so zu beheben. Für eine technische Anleitung zu Barrierefreiheit in Word empfiehlt sie einen Schulungsleitfaden des österreichischen Sozialministeriums (Vosta, 2014), der eine sehr gute Erläuterung der einzelnen Schritte für Word 2010 bietet. Die Anleitung kann aber problemlos auf andere Word-Versionen übertragen werden.

Nachbearbeitung von PDF-Dokumenten in Acrobat Pro

Die Nachbearbeitung von PDFs kann in verschiedenen Programmen erfolgen. Das Programm Acrobat Pro (Adobe, 2015) enthält Werkzeuge zur Erstellung von tagged PDF-Dokumenten. Es gibt jedoch auch speziellere Programme für das Erstellen von barrierearmen PDF-Dateien. Mit diesen sollte die Nachbearbeitung von PDFs sicherlich leichter gehen und möglicherweise zu besseren Ergebnissen führen. Für uns lag es auf der Hand, die Bearbeitung in Acrobat Pro vorzunehmen, weil das Programm am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) vorhanden ist.

Arbeitsschritte in Acrobat Pro

Die Nachbearbeitung der PDF erfolgte mit der Verlagsversion der PDF – also der Datei, die schon für den Druck freigegeben wurde. Nach der Herstellung des barrierearmen Dokumentes sind keinerlei Änderungen möglich ohne die Tag-Struktur zu beeinträchtigen. Wenn es am Dokument noch weitreichende Änderungen gäbe, müsste die Nachbearbeitung erneut durchgeführt werden. Schon kleine Anpassungen können nur mit einem großen Aufwand in die in Acrobat Pro hergestellte Tag-Struktur eingepflegt werden. Die Nachbearbeitung ist daher der letzte Schritt vor der Veröffentlichung.

Ich habe mich bei der Arbeit am Aktionsassistenten Barrierefrei machen orientiert. Der Aktionsassistent ist in Acrobat Pro über das Feld Werkzeuge aufrufbar. Durch den Aktionsassistenten wird man den Prozess geleitet, indem er nacheinander Arbeitsschritte aufruft und dabei zum Großteil automatisiert die notwendigen Schritte durchlaufen lässt, um eine barrierearme PDF zu erzeugen. Für kurze und einfache Dokumente, wie zum Beispiel diese Dokumentation, scheint es mir daher gut möglich innerhalb von kurzer Zeit ein tagged-PDF zu produzieren, das für Menschen, die Leseprogramme nutzen, relativ gut zugänglich ist.

Die ersten Schritt, den der Aktionsassistent aufruft, ist die Festlegung der Metadaten. Metadaten sind ein Aspekt der Barrierefreiheit. Sie dienen nicht nur zur Identifikation von Autor:in, Titel und Thema, sondern definieren darüber hinaus die Dokumentensprache. Anschließend wird eine OCR-Texterkennung durchgeführt, wenn notwendig werden Formularfelder identifiziert und schließlich das Dokument automatisch getagged. Als letztes wird die Anwender:in des Aktionsassistenten aufgefordert, die automatisch aufgefundenen Grafiken mit einem Alternativtext zu versehen. Eine abschließende Prüfung zeigt mögliche Probleme auf – und nach einer kurzen Anpassung könnte das barrierearme Dokument fertig sein.

Sobald jedoch die Dokumentenstruktur durch Verlinkungen, Tabellen oder Grafiken komplizierter ist, wird eine händische Bearbeitung notwendig, die viel Zeit erfordert. Viele Bearbeitungsschritte, die notwendig werden, können über das Werkzeuge-Menü unter Barrierefreiheit aufgerufen werden. Im Folgenden beschreibe ich einzelne Arbeitsschritte und berichte von Problemen. Insgesamt war ich mit der Bearbeitung der PDF-Datei rund drei bis vier Arbeitstage beschäftigt. Ein wichtiger Begleiter bei der Arbeit war das Online-Benutzerhandbuch von Adobe (2019).

Automatische Tag-Struktur

In Acrobat gibt es die Funktion des automatischen Erstellen von Tags. Auf der Grundlage der Textanordnungen, ordnet das Programm Tags zu. Im Fließtext mit einfacher, klarer Struktur funktionierte die Mustererkennung sehr zuverlässig. Überschriften und Absätze wurden durch den Algorithmus erkannt und mit den richtigen Tags versehen. Kompliziertere Strukturen wurde beim automatischen Taggen nicht richtig erkannt. Daher ist es notwendig, die Tag-Struktur nochmal zu Überprüfen. Die Tag-Struktur ist in Acrobat Pro in der linken Seitenleiste bei den Seitenminiaturen und Lesezeichen anzeigbar. Mir hat es geholfen, mir die Tag-Struktur von Dokumenten anzuschauen, die professionell bearbeitet wurden, um ein Gefühl für den Aufbau von Tag-Strukturen zu bekommen. Als Beispieldokumente können etwa Behördendokumente, die nach den Maßgaben des Behindertengleichstellungsgesetz erstellt werden, oder PDF-Broschüren der oben verlinkten Organisationen genutzt werden.

Festlegen der Lesereihenfolge

Um die Tag-Struktur im groben nachzubearbeiten, kann auch das Werkzeug Festlegen der Lesereihenfolge verwendet werden. Über dieses Werkzeug können Textelementen Merkmale wie Überschrift einer Ebene, Text oder Tabelle zugeordnet werden. Diese werden dann in der Tag-Struktur entsprechend abgebildet.

Außerdem lässt sich, wie der Funktionsname schon erahnen lässt, eine Reihenfolge festlegen, in der die Seiteninhalte vorgelesen werden. Das kann zum Beispiel eingesetzt werden, wenn oben auf einer Seite eine Abbildung eingefügt wird. Es ist in der Regel nicht sinnvoll, dass die Alternativbeschreibung für eine Abbildung direkt als erstes vorgelesen wird. Besonders störend ist dies, wenn ein Satz über das Seitenende hinaus geht und auf der nächsten Seite fortgesetzt wird. Mit der Festlegung der Lesereihenfolge lassen sich zwar Sprünge innerhalb einer Seite einstellen, nicht jedoch über das Seitenende hinweg. Es ist zum Beispiel möglich, das Leseprogramm erst den letzten Absatz des vorigen Abschnittes, dann die Überschrift des neuen Kapitels und anschließend eine Alternativberschreibung einer Grafik, die zu diesem Kapitel gehört, vorlesen zu lassen. Nicht möglich ist dagegen, die Grafik erst nach dem ersten Absatz dieses Kapitels vorlesen zu lassen, wenn dieser erst auf der darauf folgenden Seite endet. Durch diese Einschränkung gab es an einigen Stellen im Dokument Schwierigkeiten, Abbildungen und Tabellen im Lesefluss sinnvoll einzuordnen.

Eine weitere relevante Funktion, die in diesem Werkzeug genutzt werden kann, ist die Zuordnung als Hintergrund. Textelemente, die mit einem Hintergrund-Tag versehen sind werden im Leseprogramm übersprungen und nicht vorgelesen. So kann beispielsweise mit Kopf- und Fußzeilen ohne inhaltliche Informationen verfahren werden.

Ein Fehler, der mich im Zusammenhang mit diesem Werkzeug besonders lange aufgehalten hat, ist die Funktion Seitenstruktur löschen. Damit wird die gesamte Tag-Struktur dieser Seite gelöscht. Dem Vorleseprogramm erscheint diese Seite dann als leere Seite. In manchen Fällen konnte ich die Tag-Struktur nicht mehr manuell wiederherstellen und musste auf einen früheren Bearbeitungsstand zurückgreifen. Da es im Bearbeitungsmodus für die Barrierefreiheit in Acrobat Pro keine Möglichkeit gibt, Bearbeitungen rückgängig zu machen, können Fehler sehr viel Zeit fressen und es ist wichtig regelmäßig zwischenzuspeichern und eine Reihe von Backups zu verschiedenen Zeitpunkten zu erstellen.

Tabellen

In einer mit Tags versehenen Tabelle kann mit Bildschirmleseprogrammen die Tabelle zeilen- bzw. spaltenweise durchgelesen werden. Durch Tastenkombinationen kann innerhalb der Tabelle navigiert werden. Außerdem wird beispielsweise angesagt: “Spalte eins, Zeile zwei: Zellinhalt”. Oder man kann sich die Tabelle Zeilenweise vorlesen lassen und bei jeder Spalte ansagen lassen, was die Tabellenüberschrift für diese Spalte ist. Dies ermöglicht es Menschen mit Seheinschränkungen, die Bezüge innerhalb einer Tabelle nachzuvollziehen.

Bei den Tabellen hat das automatische Erstellen der Tags leider kaum funktioniert und ich musste die Tabellen manuell taggen. Dafür gibt es in Acrobat leider kein gutes Werkzeug. Ich habe die Tabellen, die nicht als Tabelle erkannt wurden, über das Werkzeug Lesereiheinfolge als Tabelle definiert und die Zellen markiert. Das hat leider jeweils in der Tag-Struktur zu einem großen Durcheinander geführt, sodass ich die Zellen-Tags in der Tag-Spalte mit vielen Klicks in ihre Tabellenumgebung einsortieren musste. Auch hierfür hat es mir sehr geholfen, die Tag-Struktur in professionell erstellten tagged PDF-Dokumenten als Vorbild zu nehmen.

Abbildungen

Abbildungen bedürfen einer Beschreibung, damit die vermittelte Information zugänglich wird. In den Tags werden die Informationen, die Leser:innen ohne Sehbehinderung über die Anordnung von Grafik-Inhalten aufnehmen, in Textform als Alternativbeschreibung bereitgestellt. Das Einfügen der Alternativbeschreibung ging bei den automatisch als Abbildung erkannten Abbildungen problemlos. Im Werkzeug Alternativtext festlegen gibt es außerdem die Möglichkeit Grafikelemente, die für den Inhalt nicht relevant sind, als Verzierung zu definieren.

Fremdsprachliche Abschnitte

Abschnitte, die von der Hauptdokumentensprache abweichen, müssen als solche gekennzeichnet werden, damit im Vorleseprogramm die Aussprache der Sprache entsprechend angepasst wird. Dazu gibt es in den Tags die Möglichkeit eine Sprache für einen Abschnitt festzulegen. In Acrobat kann das eingestellt werden, indem der jeweilige Tag markiert und über Eigenschaften eine Sprache ausgewählt wird.

Verlinkungen, Fußnoten…

Idealerweise spiegeln sich Verlinkungen, Hyperlinks oder Fußnoten in der Tag-Struktur wieder. Wie in allen wissenschaftlichen Publikationen finden sich bei Piezunka (2020) eine Reihe von Zitaten, die über eine Querverlinkung mit dem Eintrag im Literaturverzeichnis verbunden sind. Außerdem gibt es einzelne Fußnoten und ein Verzeichnis von Akronymen, deren Einträge über Querverlinkungen im Text aufrufbar sind. Diese Links wurden, bis auf die Fußnoten, zum Großteil beim automatischen Taggen erkannt. Ich habe in Acrobat jedoch keine Funktion gefunden, um die Funktionalität der Links in der Tag-Struktur zu Überprüfen. Außerdem ist es mir nicht gelungen, eine manuelle Verlinkung für die Fußnoten nur in der Tag-Struktur zu erstellen. Sämtliche Fußnoten sind daher Leseprogrammen nicht zugänglich. Grade bei diesen vermeintlichen Kleinigkeiten, zeigen sich, denke ich, große Nachteile für die Zugänglichkeit bei der nachträglichen Bearbeitung im Vergleich zu einer direkten Herstellung von Barrierearmut im Quelldokument.

Überprüfen der Barrierefreiheit

Eine Frage, die mich als Unerfahrenen im Bereich barrierearme Dokumente beschäftigt hat, ist wie ich überprüfen kann, ob das, was ich mir durch Lesen und Ausprobieren angeeignet habe, für Nutzer:innen von Leseprogrammen auch tatsächlich funktioniert. Ein Anhaltspunkt für das Entdecken von Problemen bei der Barrierefreiheit ist der Barrierefreiheitsbericht in Acrobat. In den Werkzeugen zur Barrierefreiheit gibt es eine Funktion Vollständige Prüfung. Dort wird geprüft, wo es im Dokument noch Fehler gibt. Dies können etwa Textabschnitte sein, die nicht mit Tags versehen sind, unlogische Verschachtelungen der Überschriften oder es fehlt noch die Festlegung der Hauptdokumentensprache. Daneben führt der Barrierefreiheitsbericht auf, welche Aspekte der Barrierefreiheit noch manuell überprüft werden müssen. Das ist zum Beispiel, ob im Dokument eine logische Lesereihenfolge festgelegt ist.

Um eine Idee davon zu bekommen, wie das Ergebnis der Bearbeitung tatsächlich bedient werden könnte, habe ich mir den Open Source Screenreader NVDA (NV Access, 2019) heruntergeladen und das Dokument damit getestet. Das in Acrobat integrierte Vorleseprogramm erlaubt es nämlich nicht, das Dokument zu navigieren. Die Überprüfung der Funktionalität mit NVDA hat mir weitergeholfen, die Anforderungen an ein barrierearmes Dokument zu verstehen. Und gleichzeitig wurde mir dadurch bewusst, wie wenig ich mich in die nicht-visuelle Dokumentennavigation hineinversetzen kann.

Fazit

Das barrierearme Dokument des Buches kann meiner Bewertung nach, keine gleichberechtigte Zugänglichkeit für Nutzer:innen von Leseprogrammen gewährleisten. Einerseits, gibt es technisch noch viele Einschränkungen der Barrierearmut. Mit den mir angeeigneten Kenntnissen war ich zum Beispiel nicht in der Lage, im Querformat eingebundene Tabellen richtig zu taggen. Die Problemen bei den Fußnoten habe ich oben schon aufgeführt. Durch die mangelnde Erfahrung mit Screenreadern und der nicht-visuellen Navigation von Dokumenten hätte ich zur besseren Abschätzung der Funktionalität noch eine Beratung mit erfahrenen Anwender:innen benötigt, um den Anforderungen der Barrierefreiheit besser gerecht werden zu können. Dokumente können sehr unterschiedlich in der Zugänglichkeit für Bildschirmleseprogramme sein und spezialisierte Agenturen haben ihre Berechtigung, wenn es darum geht, gleichberechtigte Zugangsmöglichkeiten zu elektronischen Dokumenten zu schaffen.

Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, dass Autor:innen und Verlage schon mit relativ einfachen Mitteln Barrieren abbauen können. Lösungen wie die barrierearme Version des Buches von Anne Piezunka (2020) sind mit etwas Einarbeitung mit Standard-Büroprogrammen realisierbar. Um den Vergleich vom Anfang erneut zu verwenden, für die Zugänglichkeit der Informationen ist das der Unterschied zwischen einem unformatierten und einem nicht ganz übersichtlich gelayoutetem Text. Durch die gute Benutzer:innen-Freundlichkeit und die umfangreiche Dokumentation im Benutzerhandbuch (Adobe, 2019) können auch unerfahrene Nutzer:innen mit Acrobat Pro tagged PDF-Dokumente erstellen, ohne die technischen Details genau durchblicken zu müssen. Je größer und komplizierter das Dokument ist, desto mehr Zeit muss jedoch eingeplant werden.

Für die nächste barrierearme Publikation, die ich sicher irgendwann machen werde, nehme ich mit, dass Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht werden muss. Gleichberechtigte Zugangswege für Menschen mit Seheinschränkungen lassen sich nicht am fertigen Produkt herstellen, sondern muss möglichst früh mitgeplant werden. Langfristig zahlt es sich sicherlich aus, sich mit der Herstellung barrierearmer Dokumente in Word, In Design oder LaTeX auseinander zu setzen. Vor allem mit Microsoft Word ist der Weg zur barrierearmen PDF nicht schwer.

Literatur und Software

Adobe. (2015). Acrobat Pro DC (2015 Version - Classic).

Adobe. (2019). Acrobat-Benutzerhandbuch: Barrierefreiheit, Tags und Umfließen. Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://helpx.adobe.com/de/acrobat/user-guide.html?topic=/de/de/acrobat/morehelp/accessibility_tags_and_reflow.ug.js

Aktion Mensch. (2020). Einfach für Alle - Das Angebot der Aktion Mensch für ein barrierefreies Internet: Einführung in Barrierefreiheit. Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://www.einfach-fuer-alle.de/artikel/einfuehrung-barrierefreiheit/

Bundesministerium für Arbeit und Soziales. (2016). BITV-Lotse: einfach teilhaben (Leitfaden zur Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) (BITV)). Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: http://www.bitv-lotse.de

Fischer, U. (2019). tagpdf: Tools for experimenting with tagging using pdfLaTeX and LuaLaTeX (Version 0.61). Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://www.ctan.org/pkg/tagpdf

Netzwerk Leichte Sprache. (2014). Die Regeln für Leichte Sprache. Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://www.leichte-sprache.org/die-regeln/

NV Access. (2019). NVDA: NonVisual Desktop Access (Version 2019.3.1). Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://www.nvaccess.org/

Oberdiek, H. (2019). accsupp: Better accessibility support for PDF files (Version 0.6). Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://www.ctan.org/pkg/accsupp

Piezunka, A. (2020). Ist eine gute Schule eine inklusive Schule? Entwicklung von Messinstrumenten durch Schulinspektionen. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. Verfügbar unter: https://www.klinkhardt.de/newsite/media/20200326_9783781557994_bf.pdf

Schalitz, B. (2007). Accessibility-Erhöhung von LATEX-Dokumenten. Diplomarbeit. Dresden: Technische Universität Dresden; Institut für Angewandte Informatik. Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: http://www.babs.gmxhome.de/da_ergeb.htm

Schalitz, B. & Clifton, A. (2019). accessibility: Create tagged and structured PDF files (Version 2.0.3). Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://www.ctan.org/pkg/accessibility

Universität Kassel. (2015). Leitfaden zur Erstellung barrierearmer Dokumente. Zugriff am 25.4.2020. Verfügbar unter: https://www.uni-kassel.de/themen/fileadmin/datas/themen/Literaturumsetzung/Leitfaden_1315_Homepage_3.pdf

Vosta, E. (2014). Leitfaden Word 2010 barrierefrei: Textdokumente barrierefrei erstellen mit Word 2010. Unterlage zum Seminar Barrierefrei publizieren. Wien: Sozialministerium. Verfügbar unter: https://www.ag.bka.gv.at/at.gv.bka.wiki-bka/img_auth.php/0/04/BS-164_Leitfaden_Word_2010_barrierefrei_Stand201412.pdf


  1. In der Dokumentation verwende ich den Begriff der Barrierearmut statt dem der Barrierefreiheit, wenn ich verdeutlichen möchte, dass es weiterhin Einschränkungen der Zugänglichkeit von Informationen gibt. Durch die Bezeichnung als barrierefrei schwingt die Vorstellung mit, dass alle Menschen das bearbeitete Dokument ohne Einschränkung nutzen können. Dies wurde aber nicht erreicht. Häufig wird etwas als barrierefrei bezeichnet, wenn es Normen oder Standards der Barrierefreiheit genügt. Doch auch solche Standards reichen für den Anspruch, dass jede:r teilhaben kann, oft nicht aus. Manche Menschen sind daher dagegen, etwas als barrierefrei zu bezeichnen. Andere Menschen kritisieren dagegen Wortschöpfungen, die sich vom Anspruch der Barrierefreiheit entfernen. Ich habe mich entschieden, von Barrierefreiheit als Anspruch und vom barrierearmen Dokument in der konkreten Umsetzung zu sprechen.

  2. Ein ganz großes Dankeschön für die super Zusammenarbeit, das wertvolle Feedback und die Motivation bei der Erstellung der Dokumentation geht an Anne Piezunka.

  3. Der Autor freut sich sehr, wenn Menschen, die Erfahrung mit der Erstellung barrierearmer LaTeX-Dokumente haben, ihre Erfahrungen teilen. Besonders Hinweise auf Templates für tagged-PDF sind sehr willkommen.