Sozialökologie als Studium Generale
Vorlesungsreihe von Rudolf Bahro und Gästen
an der Humboldt-Universität zu Berlin
1990 - 1997
Humboldt Universität zu Berlin

 

Geplant im
Wintersemester 1995/96:
Rudolf Bahro
"Schatten und Chancen abendländischer Kosmologie. Können wir einhalten?"

(wegen Erkrankung ausgefallen)

Zur Zielrichtung der Vorlesungsreihe
  "Aus der verbrauchten Struktur geht keine neue hervor,
aber aus dem, was ursprungsgegenwärtig ist."
Jean Gebser

"Von ihren Städten wird bleiben,
der durch sie hindurchging, der Wind."
Bertolt Brecht

Wir leben in einer Frist: Uns ist der schlimmstmögliche Ausgang, eine letzte zivilisatorische Katastrophe vorhergesagt, und sie kann jederzeit eintreten. Fast alle, auch in den Führungsetagen, wissen Bescheid, dass die moderne Industriezivilisation längst mit einem Rad über dem Abgrund hängt, der sie verschlingen wird. Warum geschieht nichts, um das Steuer herumzureißen? Weil wir nur anscheinend mit den Ursachen und mit der möglichen Medizin bekannt sind.

Wir sind noch immer blind für den eigentlichen Grund im Untergang des Abendlandes und in dem Verhängnis, das er für die ganze Gattung Mensch bedeutet: blind für die in unserm kollektiven Unbewussten verankerte "Tiefideologie", die "soziale Kosmologie", die überkommene Bewusstseinsverfassung, die den Zug der Lemminge steuert und uns bestenfalls einen Kurs finden lässt, der noch eine Weile parallel zum Abgrund führt.

Die größte Illusion - und deshalb vor allem versagt das Management so total - ist das Hoffen auf Rettung aus denselben wissenschaftlichen und technischen Ressourcen, die uns in die Sackgasse hineingeführt haben. Andere Dimensionen sind in unserer Tiefideologie, in der wirklichen Ersatzreligion der Moderne, nicht mehr denkbar. Wenn uns diese ratlos lassen, so hat unsere säkulare Priesterschaft keine Auskunft mehr.

Eng verbunden mit diesem Versagen der Sciencefiction-Mentalität funktioniert die eigentlich so viel durchschaubarere demokratische Illusion: Wir halten für möglich, dass die politischen Formen, die wir gefunden haben, um das Fahrzeug auf Tempo zu bringen und auf seiner Todesfahrt zu steuern, auch dazu gut sein könnten, das Ganze anzuhalten. Wir scheinen zu glauben, dass der Weg Europas das Ergebnis einer aufgeklärten Vereinbarung ist, und dass wir so auch umkehren könnten.

Während der Totalitarismus unserer Megamaschine offensichtlich ist, lautet unsere erste Frage nie, was geschehen muss, damit wir uns retten können, sondern ob sich irgendein vorgeschlagenes Konzept auch mit der innenpolitischen Realverfassung der reichen Länder, mit jenem demokratischen Spiel an der Oberfläche des Prozesses verträgt. Das aber ist nur der Luxus, den sich die technokratische Gesellschaft leisten kann, solange sie auch noch den Kitt für die sozialen Widersprüche heranzuschaffen und die Festungstore geschlossen zu halten vermag. Jedenfalls sichert das gepriesene Grundgesetz vor allem eines: dass das Rennen weitergeht, dass der Kurs auf die Selbstausrottung gewiss bleibt. Ist es doch selbst eine Errungenschaft dieses Kurses.

Aber die beiden Illusionen, die technokratische und die demokratische, sind nur axiomatisch gewordene Symptome der Tiefideologie, Tiefenpsychologie, die das Schicksal Europas ist. Uns wirklich neu entscheiden - und vielleicht sogar rettenden Gebrauch von unseren Institutionen machen - können wir nur, wenn das abendländische Ich dem Gefängnis, dem Geschick, dem Karma seiner Kosmologie entkommt, d.h. wenn alle Selbstverständlichkeiten fallen, die unser bisheriges Verhalten steuern und uns zu herostratischen "Siegern der Geschichte" gemacht haben.

Jene verhaltensleitenden, tief in die Institutionen hineingeronnenen Selbstverständlichkeiten bewusst zu machen, ist ein Schlüssel zu echter politischer Bewegung.

Es heißt immer, unsere Gesellschaften böten, infolge ihrer demokratischen Dynamik nicht nur im politischen Bezug, trotz allem die größte Möglichkeit zu tiefgehenden Veränderungen - als lägen nicht alle anführbaren Belege für diese Flexibilität auf der Schiene jenes Fortschritts fest, mit dem wir die Verbindung zur Erde verlieren. Offenbar ist genau jene vielgepriesene Kreativität, mit der wir meinen, das Universum verbessern zu müssen, weil es weniger in Ordnung ist als wir Schlauberger selbst, und der wir deshalb freie Bahn geben, der Kern der Verirrung.

Was ist das für ein Subjekt, dieses abendländische Ich, das auf Außenweltveränderung setzt, um sich die Umwelt so einzurichten, dass sie seiner Selbstverwirklichung, d.h. eben vor allem der machtvollen Außenentfaltung seiner Wesenskräfte entspricht, seinem Projekt einer "Welt, wie sie wäre, wenn die Freiheit sie ergriffen hätte", d.h. einer Welt als optimale Bühne für das Drama der individuellen Existenz, die nicht mehr vorabgestimmt ist mit der Erde, dem Himmel, den ewigen Gesetzen?

Es ist ein abstraktes, und nach innen womöglich gar nicht vorhandenes Subjekt. Wie könnte es sich sonst auf den Weg der Computersimulation seiner selbst machen, um sich so einer nicht mehr biotischen Existenz zu versichern - nach dem Verbrauch dieser einen Erde für das physikalische Experiment. Es ist ein antibiotisches Subjekt, weil es sich darin am ehesten seiner dann wohl anorganisch verbürgten Ewigkeit gewiss sein kann. Selbst überlebensfähig bis zum letzten Knopfdruck, ist es das Subjekt nicht einfach des Nihilismus, sondern der Annihilation, der Weltaufhebung als Vernichtsung.

Es geht erst einmal darum, diese monströse Instanz zu erkennen, und zu verstehen, wie sie geworden ist, welches Gesetz, welche Not da waltet.

Vielleicht ist der Mythos der Maschine doch nicht ursprünglich orientalischer Provenienz, vielleicht ist das eine Projektion?! Jedenfalls haben sie dort, z.B. beim Pyramidenbauen, erst geübt. Was steckt in der Fichteschen Benennung der Französischen Revolution als des "Despotismus der Freiheit"? Und wäre demnach eine "neue Mythologie" die Wiedererweckung des natürlichen Menschen als Organ der Großen Natur, zuerst des Kontakts mit den Himmlischen wieder vor der Erforschung des Himmels (so jedenfalls dachte ein Friedrich Hölderlin!)? Wäre sie so zugleich unsere Erlösung von den meisten Zivilisationskrankheiten?

Das materielle Äquivalent der Pyramiden von damals aber - und zwar eines, das sie in puncto Entfremdungskapazität und Naturabspaltung bei weitem überbietet - ist die Stadt, die Weltstadt von heute, als Megalopolis. Gewiss nicht zufällig ist gerade sie der Gegenstand des zweiten Hauptwerks von Lewis Mumford, der auch den immer wieder von mir herangezogenen "Mythos der Maschine" enthüllte - und womöglich ist sie das offenbare Geheimnis hinter der Logik, die das moderne Individuum um so mehr im Maschinenwesen gefangengesetzt hat, und stellt das reale Bindeglied zwischen antiker und moderner Megamaschine dar?

In der absoluten Dominanz der Stadt und ihrer sozialen Interessensyndrome gegenüber ihren Gegensätzen "Land" (Bauern) und "Wildnis" (Urvölker, insbes. einst Hirten/Nomaden) ist das ganze Verhängnis des zivilisatorischen Prozesses festgeschrieben. Der Schamane "Don Juan in den Städten" (eine von Castanedas Visionen) ist kein hinreichender Horizont. Die Befreiung von Mensch und Erde aus der nekrophilen Struktur, die Weltmarkt und Weltstadt in der Moderne miteinander bilden, ist die eigentliche "Umweltbedingung" für die Wiedergeburt einer naturverbundenen Kosmologie/Mythologie, in der sich die Menschheit als Großer Stamm von Stämmen verbinden könnte.

Es muss das institutionelle System selbst, vor allem seine Komponente für die Grund- bzw. Wegentscheidungen, wieder im Kontakt mit den Elementen aufgebaut werden. Alle technologischen und politischen (demokratischen) Probleme müssen unter dieser Voraussetzung neu durchdacht werden. Bis dahin muss der Problemdruck ausgenutzt werden, um die gegebene Struktur soweit zu öffnen, dass sie die Material- und Energieflüsse aus der Megamaschine/der Weltstadt entweichen lässt, sogar sukzessiv hinausleitet. Eine gesellschaftliche Stimmung für rechtzeitige lebensrettende Stadtflucht, ähnlich tiefgründig wie am Ende Roms, wäre der Schlüssel.

November 2004   Rudolf-Bahro-Archiv