Rudolf-Bahro-Symposium
|
Natur - Kultur - Mensch Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise Symposium aus Anlass des 70. Geburtstages von Rudolf Bahro am 18./19. November 2005 in der Humboldt-Universität zu Berlin
Samstag, 19. November 2005 Prof. Dr. Dieter Steiner, Zürich Die angesprochene Wachstumsfrage versuche ich mit Hilfe eines Konzeptes zu beantworten, das ich für ein Buchprojekt mit dem Titel "Die seelisch-geistige Nahrungskette" entwickle. Aus der Biologie sind wir vertraut mit dem Begriff der materiell-energetischen Nahrungskette, und wir wissen, dass sich im Falle des Menschen der Ressourcenverbrauch nicht auf die körperliche Ernährung beschränkt, sondern im Laufe der Geschichte in immer größerem Maße den extrasomatischen Bereich der Gesellschaft bedient und in dieser Hinsicht heute überbordet. Und noch haben wir nicht genug und reden ständig von weiterem Wachstum. Der Gang der materiell-energetischen Nahrungskette in der menschlichen Gesellschaft lässt sich mit Hilfe ihrer Dreiteilung in Wirtschaft (Infrastruktur), Gesellschaft i.e.S. (Struktur, bzw. Soziales und Politisches) und Kultur i.e.S. (Superstruktur, bzw. Geistesverfassung) darstellen. Diese kann als kollektive Ausprägung der von Abraham Maslow für menschliche Individuen vorgeschlagenen Bedürfnispyramide (physische, soziale und psychische Bedürfnisse) verstanden werden. Ebenso muss es umgekehrt sowohl im individuellen wie auch im kollektiven Fall eine gegenläufige seelisch-geistige Nahrungskette geben. Diese funktioniert heute aber nicht mehr, weil sich die Wirtschaft anmaßt, uns nicht nur eine materielle Grundlage zu verschaffen, sondern zudem auch geistig zu bevormunden. Indem sie sich gewissermaßen an die Stelle der Religion setzt, besteht eine Inversion. Diese muss rückgängig gemacht werden. Das heißt, es braucht eine Rückorientierung der Wirtschaft an der Gesellschaft i.e.S. (besonders der Politik) und der Kultur i.e.S. In deren internem Bereich schließlich muss sich die dort dominierende Wissenschaft zur Philosophie und zur Religion rückverbinden lassen. Allgemein gesagt: Die Heilung kann nur in einem grundlegenden Bewusstseinswandel liegen, der eine spirituelle Verwurzelung beinhaltet. Damit rationale Einsichten wirksam werden können, ist ein emotional-motivationaler Antrieb nötig. Hier liegt das einzige Wachstum, das wir uns jetzt noch leisten können bzw. leisten müssen. Bei alledem spielt auch die Überzeugung mit, dass der heutige prekäre Zustand mit der Geschlechterproblematik zusammenhängt und mit dem kulturgeschichtlichen Hintergrund einer Patriarchalisierung unserer Gesellschaft erklärt werden kann. |
| letzte Aktualisierung am 20. Oktober 2005 / Rudolf-Bahro-Archiv |