Rudolf-Bahro-Symposium
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Natur - Kultur - Mensch Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise Symposium aus Anlass des 70. Geburtstages von Rudolf Bahro am 18./19. November 2005 in der Humboldt-Universität zu Berlin
Freitag, 18. November 2005 Elga Sorge Ein Schwerverbrechen beherrscht die Welt, alle abendländisch-christlichen Theologien und Wissenschaften, Kulturen und Gesellschaften und nach deren Überzeugung das Weltall. Es ist das Kapitalverbrechen des Sündenfalls (l. Mose 2,17-3,24). Dieses kriminelle Ursprungsdelikt wird seit Jahrtausenden in aller Öffentlichkeit zitiert, analysiert und fast möchte man sagen, propagiert - und blieb doch (oder sogar deswegen?) die größte Geheimsache der uns bekannten Welt. So einig sich alle darin sind, DASS ein historischer Fall das Böse in Gottes (und der Göttin, wie ich als ewig weibliche, mäßig feministische Theologin hinzufügen darf) gute, ewige Schöpfung brachte und darin erblich machte, so wenig weiß man bis heute, WIE dies geschah - und WIE diese Erbsünde daher, falls man dies möchte, auch wieder daraus entfernt und die Menschheit von ihr erlöst werden kann. Dies ist umso bemerkenswerter, als die TäterInnen samt ihrer Tat - wohlbekannt - ihrer gerechten Strafe längst zugeführt und an höchster göttlicher, päpstlicher, politischer, wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Stelle als solche aktenkundig und anerkannt sind. Natürlich legt dies den Verdacht nahe, dass diesen fraglos größten und folgenreichsten Kriminalfall der Menschheit niemand aufklären WILL. Nichts ist, angesichts der bibliothekenfüllenden, gegenteiligen Beteuerungen und Beweisführungen, zwar irriger als diese Vermutung - und doch nichts zutreffender. Denn, anders als sonst bei kriminellen Delikten, ist die fehlende Aufklärung in diesem sündigen Sonderfall NICHT auf einen Mangel an Indizienbeweisen und gutem Willen zurückzuführen, eher ein Zuviel von beidem und ein DEFIZIT AN BÖSEM WILLEN, unter dem alle Kulturmenschen, die stets edel, hilfreich und gut zu sein bestrebt sind, um sich von allen anderen Lebewesen zu unterscheiden, die wir kennen, leiden - normalerweise, ohne es zu merken. Und damit ist der Höllenabgrund benannt, in dem selbst die integersten juristischen Argumente verglühen wie die Motten im gleißenden Rampenlicht, die Abseitsfalle, in der auch die beste Aufklärung und Revolution so zwangsläufig verelendet wie nach Karl Marx nur das Proletariat, der Stein des Anstoßes, an dem selbst die theo-logischsten Erlösungsabsichten so gnadenlos zerschellen wie eine Nussschale an den felsigen Gestaden des Peloponnes: Niemand kann den Sündenfall aufklären, ohne zu wissen, was das Böse oder das Gute ist, um das es hier geht, d.h., ohne so böse zu sein, den größten Kriminalfall aller Zeiten, Räume und Welten höchstpersönlich zu begehen. Nun werden Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, gewiss einwenden, aber was sei denn schon dabei? ERSTENS wüssten Sie ganz genau, was Gut oder Böse ist, zumal Sie als Nachfahren von Eva und Adam gar keine andere Wahl hätten, als deren Delikt immer schon begangen zu haben. ZWEITENS stelle man sich unter einem Schwerverbrechen etwas anderes, ebenfalls von Gott Verbotenes vor als das, was diese obsolete "Mythe aus der theologischen Rumpelkammer" (DIE ZEIT, 1989) dafür erklärt, nämlich den an Harmlosigkeit kaum zu überbietenden Verzehr eines Apfels. Da denke man doch eher an Völkermord und Totschlag, Diebstahl, Lug, Betrug und Gotteslästerung, Ausbeutung, Weltkriege, Welthungersnöte, Hexenverbrennungen, Auschwitz, Hiroshima, Tsunamis und das World Trade Center in New York. Und last not least, werden Sie DRITTENS fragen, ob wir Eva und Adam für ihre kriminelle Großtat eigentlich jemals dankbar genug sein können? Haben diese der Menschheit (und sogar Gott Selbst!) nicht erspart, in den von allen Übeln dieser Welt überquellenden (Augustinus, 4. Jhdt. n. Chr.), primitiven, heidnischen NATUR-Paradiesen erdschollenhockender Mütter und von ihnen abhängiger Väter und Söhne (einer für alle: Erich Neumann, Die Große Mutter, 1954) verharren zu müssen, d.h., den Fortschritt der Menschheit möglich gemacht?! Diese und ähnliche Überlegungen des über jede paradiesische NATUR erhabenen, vorwiegend bei den Herren der Schöpfung vorfindlichen Intellekts mag man indessen so viel drehen, wenden und wiederholen wie man will. Sie sind und bleiben, nicht zuletzt angesichts der klaren, alttestamentlichen Aussage, dass die Vertreibung aus dem Paradies keine Belohnung Gottes war und ist, sondern eine recht umfassende Strafmaßnahme (l. Mose 1,14-24), unumwunden frivol, also just von jenem Übel, das man als solches erkennen und toppen muss, wenn man den Sündenfall aufklären will. Doch wie leicht ist dies gesagt und wie fast unmöglich getan! Denn wohin Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, und ich auch blicken - ob in die progressivsten Wissenschaften, den feministischsten Kongress, den atheistischsten Politfrühschoppen oder die luzidesten Stammtisch-Kommentare -, überall hören wir, den einzigen Ort, an dem man in der erforderlichen Weise sündigen kann, gäbe es gar nicht oder noch nicht oder doch, Gott sei Lob oder Tadel, nicht mehr, nämlich das Paradies auf Erden. Und alle, alle nicken beifällig, ob weltliche JournalistInnen beim Sonntags-Frühschoppen der ARD oder Papst Benedikt der XVI., der sich, als er noch Josef Karl Ratzinger hieß, fernsehöffentlich als Paradiesvertriebener 'outete' und zu seiner, wie er sagte, auch bei Erzbischöfen vorfindlichen erblichen Neigung zu sündigen Intrigen bekannte - so, als ob derartige Aussagen keine Ungeheuerlichkeit, sondern das Credo aller Credos wären, das ununterbrochen wiederholt werden muss, damit es nur ja nie in Vergessenheit gerät. Wenn man noch hinzunimmt, dass dieser für gut befundene Glaube (oder Aberglaube?) nur der an die alles Böse erst erzeugende Trennung von ALLEM GUTEN, WAHREN/REALEN und SCHÖNEN sein kann - und jeder Versuch, diese "Umwertung aller Werte" von Gut und Böse (Jesaja, Sokrates, Jesus von Nazareth, Friedrich Nietzsche u.a.) wieder UMZUKEHREN, gnadenlos belächelt, mit Schierlingsbechern, Kreuzigungen, dem Gefressenwerden durch wilde Tiere, der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, der Entfernung aus allen theologischen und kirchlichen Ämtern und wissenschaftlicher wie sozialer Ächtung bestraft wird - liegt es auf der Hand, dass man niemandem empfehlen und schon gar von niemandem verlangen kann, den Sündenfall aufzuklären. Nur wird der Reiz, diesen Fall zu lösen, dadurch nicht geringer, zumal die Notwendigkeit, die durch ihn initiierte und legitimierte Fehlentwicklung der Menschheit, je länger sie andauert, desto katastrophaler wird. Und wenn eine Theologin diesem Reiz erliegt, weil sie wenigstens rein hypothetisch wissen will, was denn die Lösung dieses Falls und die Erlösung von seinen Folgen wohl wäre, im Falle, dass es sie gäbe und man ihrer habhaft werden könne, findet sie tatsächlich die eine oder andere Lücke in dem jede Chinesische Mauer in den Schatten stellenden Sündenfall-Verheimlichungssystem. Sie findet sie z.B. in der lateinischen Fassung der berühmten Frage, welchen überallmächtigen Elementen es auf welchen geheimnisvollen Wegen gelang, dem allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erden Seinen freien Willen zu rauben? Oder in klassisch theologischer 'Theodizee'-Terminologie: Warum ein guter, gerechter (dikaios) Gott (theos) das Böse in Seiner guten Schöpfung zulassen UND sogar Selber befehlen muss(te), obwohl Er dies gar nicht will: 'unde malum'? Denn 'malum' bedeutet sowohl das Böse als auch der Apfel oder Apfelbaum (Akkusativ von malus, vgl. Stowasser, 1967, S. 307). Wer diesem Indiz wie dem Leit-Faden der Ariadne durchs Labyrinth folgt, stellt fest, dass nach der Herkunft dieses, mit Verlaub, nur satanisch zu nennenden Früchtchens, an dem nichts weniger als der ganze Sündenfall hängt, nie geforscht wird (vgl. Elaine Pagels, Eva, Adam und die Schlange, 1988/1991). Alle gehen, unter freudiger Opferung jeden Verstandes ('sacrificium intellectus'), davon aus, dass ein guter Schöpfergott Seinen guten Ebenbildern die guten Früchte vom guten Baum des Lebens und der Erkenntnis, die das gute Sein wie Gott, das gute Wissen von Gut und Böse und das gute, ewige Leben symbolisieren und spenden (l. Mose 3, 5.22), bei Todesstrafe verbieten (l. Mose 2,17) und die Aneignung dieses GUTEN mit dem bösesten Bösen bestrafen MUSSTE, das es im Weltall gibt, nämlich mit der erbsündenträchtigen Trennung vom Paradies und von Gott - obwohl und weil alle, wie sie beteuern, genau wissen, dass dies völlig unmöglich und wenn möglich, total absurd und teuflisch sinnlos wäre: 'credo quia absurdum'. Mit anderen Worten, den Sündenfall kann man nur aufklären, indem man ihn begeht, nur begehen, indem man die Theodizeefrage beantwortet, diese nur beantworten, wenn man sie stellt - und nur stellen, indem man den Sündenfall begeht, nicht wie Gott, sondern klüger als Gott sein und besser als Er wissen zu wollen und zu können, OB DAS BÖSE JE IN UNSER GUTES WELTALL KAM? Dass dieser 'double-bind-trächtige' Zirkelschluss (Syllogismus) oder, wenn man so will, dieser 'Gordische Knoten', der die Theodizee-Frage so sicher vor jeder Beantwortung wie den Sündenfall vor jeder Aufklärung schützt, auch im postmodernen 21. Jahrhundert noch so ungelöst ist wie zu Evas, Adams und der Schlange Zeiten, gibt zu denken. Doch ich hoffe, man wird es mir nachsehen, wenn ich hier frage: Was ist Denken, wenn man nie denken und dies noch nicht einmal wissen, sondern immer nur die niemals mögliche historische Trennung der Menschen vom ewigen Leben rationalisieren darf? Was ist Aufklärung, wenn man alles, nur das nie klärt, was jede, auch die gehirnzerschmetterndste "Dialektik der Aufklärung" eines Max Horkheimer/Theodor W. Adorno (1944/1969), erst nötig macht? Was ist das Sein, wenn es selbst bei Karl Marx nie das sein darf, was es nie NICHT sein kann: reiner, erblich unschuldiger, materiell sichtbarer, ewig lebender, göttlich kreativer GEIST, der unaufhörlich neue, einmalige Erscheinungen und Ebenbilder Seiner Selbst erschafft? Was ist Sexualität, wenn sie, selbst bei Sigmund Freud, nie das sein darf, was sie unübersehbar ist, nämlich die heiligste Handlung dieses GEISTES und göttlich autonome Schöpferin des Universums? Wer ist Gott, der zwar einen Sohngott zeugt, doch nie so erotisch sexuell, lustvoll leidenschaftlich und sinnlich sichtbar wie Seine gesamte Schöpfung ist und nie eine Göttin liebt? Wer ist die Göttin, die man nie auch nur nennen, geschweige denn erkennen und anbeten, allenfalls als ewig jungfräuliche 'Magd des HERRN und Mutter Gottes' verschämt im Hintergrund verehren darf? Und last not least, was ist das Leben, wenn man es niemals als ewigen, orgiastisch kreativen Schöpfungsprozess, sondern nur mit der von Jesaja beklagten "Hülle der Decke" über dem Bewusstsein der Völker (Jesaja 25,7) oder wie Platos gefesselte Hö(h/l)lenmenschen als Schatten der Realität wahrnehmen, wie Tantalos, mitten im Wasser des Lebens nur beinahe trinken und alle braven ErbsünderInnen auf dem Prokrustes-Bett des "Schon-jetzt-ein-bisschen-und-noch-nicht" auf unserem paradiesischen Planeten ERDE, von dem (noch!) niemand vertrieben wurde, nur mit mentalem Vorbehalt ('reservatio mentalis') leben darf??? Wer sich von diesen Fragen berühren lässt, hat, wie Martin Luther ('peccatite fortiter ut credite fortius') richtig sieht, doch leider nicht zu Ende denkt, nur noch EIN Problem. Es besteht darin herauszufinden, wie man in Sünde fällt. Denn das, was die Menschheit bisher an Ungehorsam gegen Gott und die Göttin NATUR, an 'geilen' Lüsternheiten, 'coolen' Grausamkeiten, neurotisierender Sexual-Unterdrückung, kapitalistischer Ausbeutung und entfremdeter Arbeit, asozial-unökologischen Mega-Maschinen und teuflisch intellektuellen 'salti mortali' zustande brachte, genügt erwiesenermaßen nicht, um das größte Kapitalverbrechen der Welt begehen und aufklären zu können. Doch wie sündigt man richtig? Wie fällt man in eine Sünde, die nach menschlichem Ermessen gar keine ist, doch krimineller als jedes Schwerverbrechen - und dessen eigentliche Ursache??? Mit dieser Frage möchte ich die geneigten LeserInnen ihrer eigenen Sündenfallaufklärung überlassen und meine bescheidenen Aufklärungsergebnisse und Anregungen zur "Integration. Mensch - Gesellschaft - Natur" am 18./19.11.05 vorlegen. |
| letzte Aktualisierung am 20. Oktober 2005 / Rudolf-Bahro-Archiv |