Rudolf-Bahro-Symposium

Integration
Natur - Kultur - Mensch

Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise
Symposium aus Anlass des 70. Geburtstages von Rudolf Bahro
am 18./19. November 2005
in der Humboldt-Universität zu Berlin


Freitag, 18. November 2005

Kurt Seifert
Stationen im Leben des Rudolf Bahro: 1968 – 1977 – 1989
(Abstract)

Rudolf Bahro war ein Mann mit einem starken Glauben. Mit dem ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden identifizierte er sich als Teil einer bewussten Minderheit. Die DDR sah Bahro in einer «übergeschichtlichen Perspektive» der Menschheitsbefreiung. Das ließ ihn über manche Mängel hinwegsehen, machte den jungen Bahro aber nicht zum Anpasser. Die erste Erschütterung seiner politischen Überzeugungen fiel ins Jahr 1956: Der XX. Parteitag der KPdSU und die Ereignisse in Polen und Ungarn forderten ihn heraus. In einer Wandzeitung kritisierte er die Haltung der SED-Führung sowie der DDR-Medien, die den Volksaufstand verleumdeten. Diese Kritik hielt ihn nicht davon ab, über längere Zeit in Übereinstimmung mit der politischen Entwicklung in der DDR zu sein. So machte er nach dem Philosophiestudium seinen Weg als Journalist und Propagandist, bis er in ab Mitte der sechziger Jahre in zunehmenden Widerspruch zur Haltung der Parteiführung geriet.

Ein entscheidendes Wendejahr in Bahros Biografie ist 1968: der «Prager Frühling» und dessen Zerschlagung durch die Armeen des Warschauer Paktes. Die vom Volk geliebte Kommunistische Partei – das war sein geistiger Ansatz, um sich mit den Reformern in der Tschechoslowakei zu identifizieren. Seine Antwort auf die sowjetischen Panzer in Prag sollte ein theoretischer Frontalangriff auf die Herrschaft des Parteiapparats und ein entscheidender Schritt zur Entwicklung einer «kommunistischen Alternative» sein.

Dieser Aufgabe waren die Jahre zwischen 1968 und 1977 in erster Linie gewidmet. Das Erscheinen seines Buches Die Alternative kennzeichnet die zweite Wende im Leben von Rudolf Bahro: Er wurde durch sein Werk weltweit bekannt und stieß eine Debatte über die notwendige Weiterentwicklung der sozialistischen Theorie an. Diese bestand nicht zuletzt darin, die ökologische Frage wahrzunehmen und von dorther auch den Marxismus zu kritisieren. Von diesem gedanklichen Ansatz war es nicht mehr weit zur sich herausbildenden Partei der «Grünen». Er wandte sich wieder ab, weil seine Kritik am «alternativen Machtwahn» auf wenig fruchtbaren Boden fiel.

Mit der «Wende» des Jahres 1989 fällt auch die dritte Wende in Bahros Werdegang zusammen. Er versuchte noch einmal Einfluss auf den Gang der Geschichte zu nehmen, indem er beim Parteitag der SED/PDS im Dezember 1989 die Vision eines sozialökologischen Umbaus der DDR präsentierte. Seine politischen Möglichkeiten hat er überschätzt. Bahros Verdienst bleibt, Fragen nach einer Alternative zur herrschenden Logik der Zerstörung gestellt zu haben.

 
letzte Aktualisierung am 20. Oktober 2005  /  Rudolf-Bahro-Archiv