Rudolf-Bahro-Symposium
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Natur - Kultur - Mensch Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise Symposium aus Anlass des 70. Geburtstages von Rudolf Bahro am 18./19. November 2005 in der Humboldt-Universität zu Berlin
Samstag, 19. November 2005 Prof. Dr. Hartmut Frank: Die Risiken, die sich aus "wertfreier" wissenschaftlicher Forschung, ihrer technischen Umsetzung und der praktisch-industriellen Verwertung ergeben können, sind im Zusammenhang mit der Entdeckung der Kernspaltung schon lange diskutiert worden. Erst seit kurzem wird ein weiterer Aspekt von wissenschaftlicher Forschung und ihrer Umsetzung zu technisch-industriellen Innovationen beachtet, dass nämlich diese sogenannte Wertfreiheit dazu geführt hat, dass die global-ökologischen Grundlagen durch beschleunigte Umweltveränderung und Ressourcen-Übernutzung bedroht werden. Trotz ca. zwanzigfacher Steigerung der Welt-Erdölförderung in den letzten fünfzig Jahren hat sich die psychologisch-seelische Situation vieler Menschen kaum verbessert. Bewusstseins-Spaltung, Vereinsamung und Beziehungslosigkeit zwischen Menschen und Nationen brechen noch immer in Form unterschiedlichster Konflikte an die Oberfläche, in inneren, zwischenmenschlichen, und internationalen Konflikten, und eine prinzipielle Wendung zum Besseren ist nicht zu beobachten. Die Diskrepanz zwischen weltweiter Konsum-Steigerung und dem offensichtlichen Fehlen des so herbeigesehnten, gewünschten Ergebnisses größeren Glücks für alle Menschen, diese Hoffnung der Menschen in den Industrie-Nationen ist heute enttäuscht, ganz zu schweigen von denen, die in der sogenannten "Dritten Welt" leben. Die Überwindung dieser Diskrepanz, das Erreichen der nächsten Stufe der Entwicklung von Erkenntnis, erfordert einen Wechsel unseres mit zahlreichen Tabus behafteten Gesellschafts- und Moralsystems. Auffallend ist das in letzter Zeit häufig gehörte Verlangen nach Werten, die eingehalten werden müssen oder sollen. Sicher, im traditionellen Werte-System, mitsamt seinen darin entstandenen und entwickelten Hilfs-Philosophien, mit seiner patriarchalischen und paternalistischen Basis, ist die Geschichte eine dauernde Folge von Kriegen und Konflikten, des Eroberns und Annektierens ökologischer Nischen unter Verdrängung anderer Menschen und Kulturen und der sonstigen natürlichen Mitbewohner der Erde gewesen. Was aber heute grundsätzlich anders geworden ist: Die Reichweite der Folgen unseres un-ökologischen Handelns ist im Zeitalter der Globalisierung eben auch global. Spätestens seit Menschen vor ein paar Jahrzehnten aus der Distanz eines Raumschiffs auf den kleinen blauen Planeten im unendlich schwarzen All zurückgeblickt haben, ist es dem "Augen-Tier" Mensch deutlich geworden, dass es keine Fluchtmöglichkeit gibt, für niemanden. Alle Menschen tragen die Grund-Werte in sich, egal, aus welchen politischen oder gesellschaftlichen Systemen sie kommen, nämlich die Sehnsucht nach Sicherheit und Angenommensein, danach Liebe zu geben und zu empfangen, nach Eingebettetsein in die Harmonie der natürlichen Umwelt. Die Diskrepanz zwischen dem Ersehnten und dem Gewordenen resultiert aus der für die technisch-industrielle Entwicklung der letzten Jahrhunderte zwar nützlichen und leistungsfähigen Erkenntnistheorie von Descartes, des geistigen Subjektivismus (cogito ergo sum): Ich und die Weit um mich existieren (nur), weil ich denke. Der Grund-Fehler ist der Irrtum, die Wirklichkeit sei grundsätzlich durch Denken vollständig erfassbar, und selbst bei manchen Philosophen kann man nicht sicher sein, ob sie diesem Irrtum nicht auch unterliegen. Damit wird alles Seelisch-Erotisch-Religiöse ausgeblendet; das Göttlich-Numinose hat keine Wirklichkeit mehr, sondern ist ein (nur) Gedachtes geworden. Bisher wurde alles, was nicht durch analytisches Denken beweisbar war, als nichtexistent deklariert; logischerweise waren damit alle nicht-materiellen Aspekte der Natur, des natürlichen Menschen und seiner Ökologie, in die er eingebettet ist und notwendigerweise eingebettet bleiben wird, im Paradigma des "cogito ergo sum" nicht berücksichtigungsfähig. Die Absolutheit, mit der leistungsfähige und im Rahmen Ihrer Prämissen nützliche Hypothesen zu absoluten Wahrheiten erhoben wurden - oder besser, damit verwechselt wurden - war und ist noch immer das Hauptproblem unserer Zeit. Dabei gibt es zahlreiche Beweise der Begrenztheit der cartesianischen, analytischen Denk-Methode, angefangen vom gängig akzeptierten quantenphysikalischen Teilchen-Wellen-Dualismus, der zwar mathematisch bewiesen werden kann, aber nicht gedacht werden kann. Zahlreiche konkrete Beobachtungen im Bereich der parapsychologischen Phänomene - aber auch viele alltägliche Erscheinungen - sprechen dafür, dass die Wirklichkeit nicht nur aus Messbarem, durch Denken Erfassbarem besteht, sondern dass alles, was mit Leben, Gefühlen, Emotionen, mit dem Wirken von Kunst zu tun hat, und zwar ganz konkret, hier und jetzt, eine reale aber transzendente Seite hat. So gibt es, bis auf einige Vermutungen und Spekulationen, keinerlei Erklärung, wie in der Urzeit der Erde Leben entstanden sein könnte, genaugenommen wissen wir noch nicht einmal, was Leben überhaupt ist: Eine Kombination vieler kleiner biochemischer Reaktionskisten (Zellen) ist ein Lebewesen jedenfalls nicht. Es ist das Verdienst des größten Menschen (nach meiner Meinung, aber auch anderer) des vorigen Jahrhunderts, Carl Gustav Jung, die Realität der seelisch-religiös-erotischen Seite des Menschen, die Wirklichkeit des Kollektiv-Seelischen wiederentdeckt zu haben, diese vergessene Seite unseres Seins, eine ganze andere, noch weitgehend unbekannte Welt. Unserer unter Anwendung der Cartesianischen Methode geformten materiellen Welt muss nun eine zweite Ebene der Öffnung zur konkreten Religiosität entwickelt und zugeordnet werden, und zwar integral, nicht abgespalten wie heute. Wenn wir die Illusion der Wertfreiheit der Wissenschaft, die Scheuklappen unserer selbstgezimmerten Rahmenstrukturen und Theorien abwerfen und bereit werden zu glauben, ohne mit dem Geist beweisen und analysieren zu wollen, werden wir in der Erkenntnis unseres Selbst und unserer Natur = Welt, in der Liebe zu uns und zur Welt, einige Schritte weitergehen. Die neuen Wege und Erkenntnismethoden zur Erforschung dieses Neulands zu entwickeln, das erfordert Mut, Erfindungsreichtum, Intuition, Geduld und Liebe zu den Menschen. Rudolf Bahro hatte die politische Notwendigkeit erkannt und unter persönlichen Opfern angestoßen. Folgen wir ihm; es gibt viel zu tun. |
| letzte Aktualisierung am 15. Dezember 2005 / Rudolf-Bahro-Archiv |