Rudolf-Bahro-Symposium
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Natur - Kultur - Mensch Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise Symposium aus Anlass des 70. Geburtstages von Rudolf Bahro am 18./19. November 2005 in der Humboldt-Universität zu Berlin
Freitag, 18. November 2005 Prof. Dr. Michael Brie Der Grund, weshalb ich mich wieder und wieder Rudolf Bahro zuwende, ist seine kommunistische Alternative zur Barbarei. In welcher Beziehung stand sein Kommunismus zur Auffassung des modernen Sozialismus, den wir in den achtziger Jahren an der Humboldt-Universität gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen akademischen Einrichtungen fr uns begründeten? Welche Bedeutung hat er heute für einen demokratischen Sozialismus? Was wäre es, was unverzichtbar mitzunehmen ist von Rudolf Bahro als Erbe eine großen Humanisten und Kommunisten? In allen seinen gesellschaftlichen Interventionen - als Dissident in der DDR, als Vorstandsmitglied der Grünen, als Suchender nach einer neuen Kirche wie als Prophet einer Rettungsregierung, als Mit-Initiator einer ökospirituellen Gemeinschaft in der Eifel oder Begründer des Instituts für Sozialökologie an der Humboldt-Universität und Unterstützer für das Projekt LebensGut Pommritz war Bahro immer vor allem Kommunist in jenem ursprünglichen und eigentlichen Sinne dieses Wortes, den es hatte, bevor es Partei- und Staatsdoktrin wurde. Dieser Kommunismus Rudolf Bahros bildete jenen geistigen, moralischen, spirituellen Leitfaden, an den er sich gehalten hat. Sein gesamtes Denken verbleibt in dieser Kontinuität, so sehr sich auch Gegenstände und Zeiten änderten und sein Kommunismus sicher immer mehr anreicherte mit Erkenntnissen und Einsichten der gesamten Menschheitskultur. Bahros Identifikation von Zivilisation und Moderne mit Exterminismus vermag ich nicht zu folgen. Den Ausstieg aus der Moderne überhaupt ohne den Verlust der Freiheit halte ich für denkunmöglich, ihre radikale Umgestaltung auf der Grundlage der Moderne dagegen höchstens für praktisch unmöglich angesichts der gegebenen Macht-, Eigentums- und Hegemonieverhältnisse. Diese aber sind emanzipativ änderbar. Eher als auf eine "heilsame Tyrannis" würde ich auf eine neue, eine partizipative Demokratie setzen. Denn: Wie schnell hat sich bisher jede solche Tyrannis verselbständigt selbst gegenüber den edelsten Zielen? Bestreiten würde ich, dass jede Innovation "teuflisch und tödlich" zugleich sei – ist doch Innovation, Erneuerung auch ein Maß für Freiheit, und war Bahro selbst doch ein höchst innovativer Denker und wollte es auch sein. Im Unterschied zu ihm will ich nicht, dass entgegen "der individualistischen Grundtendenz westlicher Emanzipationsideologie" "tatsächlich regiert wird". Sein Kommunismus schwankt zwischen einem traditionellen und einem freiheitlichen Kommunismus. Sozialismus verlangt für mich die demokratische Einigung über die gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen der Freiheit einer und eines jeden. Wo Bahro nach einem "Regiment" sucht, sehe ich die einzige Chance der Befreiung in der Selbstbefreiung. Sonst wird das gelobte Land zum Sklavenhalterstaat unter einem eigenen König. Keine absolute Instanz ist mehr möglich, nur die relative, die wir in den Kämpfen um die Hegemonie eines freiheitlichen Sozialismus herzustellen suchen. Dieser Sozialismus zielt auf den radikalen Umbau der Moderne in ihren gesellschaftlichen wie in ihren gemeinschaftlichen Formen, in ihrer Produktions-, Austausch- und Lebensweise. Aus der Megamaschine der Ausbeutung von Menschen und Natur wären Netzwerke zu schaffen, die sich an ozialen und ökologischen Rahmenbedingungen orientieren, Gemeinschaften müsste die Chance gegeben werden, aus Notbehelfen der Linderung des Leidens an der Moderne zu lebendigen Entwicklungsräumen freier Individualität und produktiver Gemeinschaftlichkeit, einer anderen Anthropologie und Kultur, zu werden. Die Bewahrung der Gemeingüter der Entwicklung und Erhaltung einer lebenswerten Umwelt und "In-Welt" (Bahro) können m. E. nur auf sozialistische Weise produktiv mit Freiheit und Individualität verbunden werden. Was Rudolf Bahro in seltener Radikalität einbrachte und wohinter nicht zurückgegangen werden darf, ist seine integrale Sicht auf Natur, Mensch und Gesellschaft und die ökologischen Konsequenzen, die er daraus zieht. Es ist seine Forderung nach einem Primat der Kultur (er nennt es Spiritualität) und die Bedeutung, die er dabei dem Feminismus zumisst, seine Perspektive einer anthropologischen Revolution und der Einstieg in einen anderen Entwicklungspfad. Dies und vieles andere gehört in das Erbe jeder heutigen Emanzipationsbewegung. Bahros Kommunismus ist eine Herausforderung für jeden, der sich für die Schaffung der gesellschaftlichen Voraussetzungen freier (kommunistischer) Assoziationen als Teil des sozialistischen Projekts einsetzt. Seine Unbedingtheit, seine Radikalität, seine Fähigkeit, auch den letzten Schluss zu ziehen, verlangt und ermöglicht es, die eigenen Positionen weiterzuentwickeln. Er ist so ein Vorbild freier Produktion und freien Austauschs, er ist, um Marx zu zitieren, ein Mittler zwischen jedem von uns und der Gattung geworden. Er mag viel mehr gewollt haben als dies. Was er erreicht hat aber, ist denk- und erinnerungswürdig, ist eine dauerhafte Provokation zur genauso ernsthaften wie lustvollen Selbstveränderung. |
| letzte Aktualisierung am 2. Februar 2006 / Rudolf-Bahro-Archiv |