Rudolf-Bahro-Symposium
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Natur - Kultur - Mensch Sozialökologische Innovationen für eine zukunftsfähige Lebensweise Symposium aus Anlass des 70. Geburtstages von Rudolf Bahro am 18./19. November 2005 in der Humboldt-Universität zu Berlin
Samstag, 19. November 2005 Prof. Dr. Burkhard Bierhoff Ausgangspunkt der Zivilisationskritik von Rudolf Bahro ist die immer mehr zur Gewissheit gewordene Vermutung, dass eine Gesellschaft, die ihre Kräfte tauschwertorientiert vorrangig in die Erzeugung von Waren investiert, kulturell ihre Zukunftsfähigkeit verspielt. Der Konsumismus als "Teufelskreis der kapitalistischen Wachstumsdynamik" mit den künstlich erzeugten kompensatorischen Bedürfnissen führt zu einer fortwährenden "Erzeugungsschlacht": "Je mehr produziert wird, desto mehr muss erjagt, besessen und verbraucht werden, desto mehr psychische Energie wird in abstrakter Arbeit und kompensatorischen Genüssen gebunden und bleibt den emanzipatorischen Kräften entzogen." Die kompensatorischen Interessen und Bedürfnisse verpflichten den Homo consumens zum scheinbar freiwilligen Massenkonsum. Sie zeigen sich in dem Streben vieler Menschen nach bequemen Ersatzbefriedigungen. In der Überwindung dieser Subalternität, die nur durch die Umgestaltung der gesamten modernen Produktionsweise zu erreichen ist, sieht Bahro die einzig mögliche Alternative zu der grenzenlosen Expansion der materiellen Bedürfnisse. Je mehr die Menschen jedoch ihre emanzipatorischen Interessen entdecken, die auf persönliches Wachstum und Selbstverwirklichung gerichtet sind, umso mehr nähern sie sich dem, was Bahro - in enger Anlehnung an Jean Gebser - als den Homo integralis bezeichnet hat. "Es ist in neuem Gewand die alte Idee des vollständigen, alle in ihm angelegten Vermögen realisierenden Menschen." Die weltweit vorhandenen Ressourcen erlauben keine Fortsetzung oder Expansion der industriellen Massenfertigung mit ihrem konsumistischen Lebensstil. Die einzige Alternative, die eine ökologische Katastrophe verhindern könnte, liegt in der Wahl einer neuen Lebensweise, die von einer nachhaltigen Produktions- und Verbraucherorientierung bestimmt ist. Ein entsprechendes Leitkonzept, 1936 von Richard Gregg formuliert, ist mit der "freiwilligen Einfachheit" ("Voluntary Simplicity") gegeben. Auch Bahro plädiert entschieden für einen einfachen Lebensstil: "Nur bei einem auf Subsistenzwirtschaft gegründeten Lebensstil freiwilliger Einfachheit und sparsamer Schönheit können wir uns, wenn wir außerdem unsere Zahl begrenzen, auf der Erde halten." Der einfache Lebensstil ist von einem niedrigeren Konsumniveau und Werten wie Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und ökologische Verantwortung geprägt. Hinter der freiwilligen Einfachheit steht kein homogener Lebensstil, sondern eine Suchhaltung. "Laßt uns darüber nachdenken, wie wir uns unabhängig von der Großen Maschine nähren, wärmen, kleiden, bilden und gesund erhalten können. Beginnen wir daran zu arbeiten, ehe sie uns vollends durchgesteuert, einbetoniert, vergiftet, erstickt und eher früher als später atomar totalvernichtet hat." (Rudolf Bahro) Copyright © 2005 by Burkhard Bierhoff |
| letzte Aktualisierung am 20. Oktober 2005 / Rudolf-Bahro-Archiv |