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Theoretiker und Akteur deutscher und europäischer Geschichte
Rudolf Bahro war einer der wichtigsten, einflussreichsten und fundiertesten Kritiker der Theorie und Praxis des realen Sozialismus. Seine geistigen Wirkungen reichen vermutlich bis zur theoretischen Begründung der friedlichen Selbsttransformationen dieser Länder und damit auch der deutschen Wiedervereinigung und der weltweiten politischen Öffnung Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Dies wird nicht nur durch sein in rund 20 Sprachen übersetztes Werk "Die Alternative" dokumentiert, sondern auch durch zahlreiche Aufsätze, Sammelbände und Zeitungsberichte. Rudolf Bahro war nicht der einzige öffentlich wirksame osteuropäische "Dissident", aber derjenige, dessen Wirkung stark auf detaillierten wissenschaftlichen – sozialwissenschaftlichen und geschichtsphilosophischen - Analysen und Konzepten beruhte. Daher hatte er einen starken Einfluss auf die Intelligenz und die politischen und kulturellen Eliten Ost- wie Westeuropas. Der einflussreiche Sozialphilosoph Herbert Marcuse verwies in seinem Spätwerk sehr eminent auf Rudolf Bahro als einen der bedeutendsten kritischen Theoretiker seiner und der kommenden Zeit.
Anhand von Bahros "Interventionen" lassen sich nicht nur seine persönlichen Positionen und deren Modifikationen, sondern auch übergreifende gesellschaftliche Probleme und Prozesse dokumentieren. Seine luziden Analysen der Fehlentwicklungen, die zum Ende der DDR führten, aber auch seine Versuche, die bloße Abwicklung noch vorhandener DDR-Potentiale durch konkrete Alternativvorschläge zu vermeiden, und ferner seine politischen Aktivitäten bei der Gründung der Grünen einschließlich seiner Kritik an deren realer Politik ermöglichen wichtige Einblicke in reale gesellschaftliche Umbrüche. Darüber hinaus sind seine Vorlesungen im Audimax der Humboldt-Universität eindrucksvolle Beispiele einer intellektuellen Gemeindebildung unter anomischen Verhältnissen, die sowohl für Analysen der Wende-Periode wie auch der folgenden Anpassung der Ex-DDR hoch relevant sind.
Vordenker einer transdisziplinären und integralen Sozialökologie
Bahro ist als ein bedeutender Begründer und Theoretiker einer transdisziplinären Sozialökologie anzusehen. Diese neue Wissenschaftsdisziplin, die sich im Zuge der erweiterten Nachhaltigkeitsdebatten erst allmählich herauszubilden beginnt, findet in Bahros Werk vermutlich unwiederholbare, in seiner besonderen Entwicklungsgeschichte wurzelnde Begründungen, Fragestellungen, Konzeptionen und Ausblicke. Eine Sammlung, Aufarbeitung und kritische Edition dieser Arbeiten dürfte daher sowohl für eine zukünftige sozialökologische Forschung und Lehre als auch für praktisch-sozialökologische Transformationsprozesse bedeutsam sein.
Das heute übliche Verständnis von sozialökologischer Forschung zielt dahin, die krisenhafte Verknüpftheit gesellschaftlicher Handlungsmuster und natürlicher Wirkungszusammenhänge durch eine problem- und umsetzungsorientierte, natur- und sozialwissenschaftliche Disziplinen einbeziehende interdisziplinäre Umweltforschung anzugehen. Bahros Konzept setzt einen darüber hinausgehenden kultur- und zivilisationskritischen Akzent. Die Erkenntnis, dass sich gesellschaftliche Handlungsmuster und natürliche Wirkungszusammenhänge in der ökologischen Krise wechselseitig durchdringen, wurde von ihm dahingehend zugespitzt, dass die ökologischen Probleme zwar naturwissenschaftlich beobachtbare Folgen haben, doch primär gesellschaftlich verursacht und daher nur durch eine diese gesellschaftlichen Ursachen erkennende und verändernde Theorie und Praxis lösbar sind. Anders gesagt, geht dieser Ansatz davon aus, dass zwar eine wechselseitige Beeinflussung natürlicher und gesellschaftlicher Entitäten besteht, d.h. dass natürliche Prozesse gesellschaftliche Prozesse beeinflussen und umgekehrt gesellschaftliche Prozesse natürliche Prozesse, dass jedoch das ursächliche Schwergewicht der ökologischen Krise primär auf gesellschaftliche und anthropogene Prozesse zurückzuführen und daher auch nur dort entscheidend beeinflussbar ist.
Bei Bahros Sozialökologie ist die vielen anderen Nachhaltigkeitsforschungsansätzen fehlende kultur- und humanwissenschaftliche Komponente sowie die Verbindung von theoretischer Forschung und praktischen Experimenten hervorzuheben.
Darüber hinaus gilt Bahro als bedeutender Philosoph und Vordenker eines integral-ökologischen Paradigmas. Da die im Globalisierungsprozess verstärkt sichtbar werdenden ökologischen und sozialen Probleme einen Komplex von natürlichen, wirtschaftlichen, sozialen und anthropologischen Ursachen und Folgen darstellen, bedürfen zukunftsfähige Lösungen einer diesbezüglichen Integration von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Rudolf Bahro gilt auch international als ein Wegbereiter dieses integralen Paradigmas (siehe die Stellungnahme von Allan Combs).
Einheit und Entwicklung von Bahros Denken
Bahros Wirkung als einer der wichtigsten und einflussreichsten Kritiker an Theorie und Praxis des sogenannten "realen Sozialismus" beruhte auf der Synthese von umfassenden wissenschaftlichen Studien und persönlicher Wahrnehmungsbereitschaft, die vor radikalen Einsichten und ihrer Umsetzung in politische Praxis nicht zurückschreckte. Die Bereitschaft, die ungerechtfertigten Sanktionen des kritisierten politischen Apparats auf sich zu nehmen, hat seiner Analyse zusätzliche Authentizität verliehen. Diese Qualität hat Bahro auch nach seiner Freilassung bewahrt: er hat die Kritik an entfremdeten Verhältnissen und Verhaltensweisen immer auch auf sich selbst bezogen.
Diese perennierende Authentizität verbietet es, Bahros Gesamtwerk aufzugliedern: es besteht kein fundamentaler Bruch zwischen der "Alternative" und den späteren Werken, auch wenn die neuen Erfahrungen im westlichen System und die sich schrittweise verändernden Reflexionen neue Sichtweisen und Bewertungen (einschließlich der Infragestellung von Axiomen der "Alternative") hervorgebracht haben. Durch die nicht-dichotome Periodisierung seiner Schriften wird diesem wichtigen Aspekt Rechnung getragen.
Die Fähigkeit, von theoretischer Erkenntnis geleitete Visionen für zukunftsfähige Lebensweisen und für eine Neuordnung des Verhältnisses von individuellem Bewusstsein, Gemeinschaft, Natur, Wirtschaft und Technik zu entwerfen, zeichnen Bahros Wirken in besonderer Weise aus. Dies gilt auch, wenn Kritiker die unabgeschlossenen Überlegungen zu Weltregiment und "Oberhaus", aber auch zu Details seiner Subsistenzwirtschaft-Modelle als "spekulativ" kritisieren mögen. Die visionäre Potenz seiner Theorie und Vision lebte u.a. von seinem beharrlichen Suchen nach "Praxis"; hierin war er wohl den meisten Sozialforschern überlegen, denen Mills' "soziologische Phantasie" abgeht.
Auch transatlantisch gesehen dürfte er, wie z.B. die Wertung durch Herbert Marcuse zeigt, als einer der wichtigen Autoren im Sinne der Kritischen Theorie einzuschätzen sein; auch wenn seine Bedeutung nicht auf diesen Aspekt seines Wirkens zu reduzieren ist. Bahros Schriften sind eine beachtens- und bedenkenswerte Alternative zu einer affirmativ-funktionalistischen Soziologie wie zu den eher resignierenden Varianten der Kritischen Theorie.
Als ein durchgängiger Leitwert seiner Schriften erscheint eine herrschaftskritische und am Gleichheitsprinzip orientierte Gesellschaftskonzeption, die sich allerdings mit Avantgarde-Vorstellungen verbindet. Avantgarde wird aber nicht als sich selbst privilegierende herrschende Klasse postuliert, sondern als ein Gefüge von verantwortungsbewusst handelnden Instanzen, die sich an ihrem Beitrag zur Überwindung der Subalternität der "Masse", der "kleinen Leute" und letztlich der Entfremdung messen lassen müssen.
Von der herrschaftskritischen Position aus wird jede Form von Expansionismus, Machtanmaßung und herrschaftlicher Zentralisierung verworfen. Positiv folgt aus ihr das Postulat der realen Gleichberechtigung der Geschlechter, insbesondere die Aufhebung überkommener Arbeitsteilung. Durchgängig ist die mit der Ablehnung herrschaftlicher Zentralisierung korrespondierende Wertschätzung für dezentrale Organisation, mit der übergreifende gesellschaftliche Organisationen kompatibel sein müssen.
Das Gleichheitsprinzip wird auf die globale Ungleichverwertung der Ressourcen angewendet, mit rigorosen Konsequenzen für die Notwendigkeit einer "kontraktiven Ökonomie" in den Zentren des Weltsystems. Andererseits wird der kulturelle Reichtum der Peripherieländer als wichtige Inspirationsquelle begriffen. Die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse liegt auch darum schon im Interesse der "Industrieländer". Bahros vielfach als "sektiererisch" stereotypierte Öffnung für außereuropäische Kulturen erscheint so im Nachhinein als wichtiges Paradigma.
Die in der "Alternative" formulierten Gedanken über die "Kulturrevolution" werden in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts radikalisiert und umgegossen in ein Programm geistig-spiritueller Renaissance, das 1987 in der "Logik der Rettung" auf der Basis der Erfahrungen und Diskussionen des vorangegangenen Jahrzehnts ausführlich begründet wird. Es bleibt eine durch die Publikation unveröffentlichter Texte zu beantwortende Frage, inwieweit es Rudolf Bahro gerade in seinen letzten Jahren gelungen ist, gesellschaftlich relevante Alternativen zu einer mit "zwingender Logik" vorangetriebenen eindimensionalen wirtschaftlich-technischen Entwicklung anzudenken. Auch ist zu erwarten, dass Bahros keineswegs eindimensionale Beurteilung der Wissenschaften klarer hervortreten wird.
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