| Kappler, Ralph Thomas "VOR IHNEN DIE SINTFLUT" Erörterungen zur Rezeption apokalyptischer Visionen durch die nationalkonservative Zeitschrift MUT [Diplomarbeit], vorgelegt im Juni 1992 |
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| Inhaltsverzeichnis | ||
| 1. | Einleitung | 4 |
| 2. | Aspekte der Rezeptionsgeschichte | 7 |
| 3. | Begriffsformung zur Apokalypse | 12 |
| 4. | Mit MUT für Einigkeit und Recht und Freiheit für das ganze Vaterland | 16 |
| 5. | Textstudien in MUT | 20 |
| 5.1. | Literaturhistorische Einordnung | 32 |
| 6. | MUT - zwischen Wandlung und Kontinuität | 35 |
| 7. | Die Zeitschrift MUT im politischen Kontext | 44 |
| 8. | Exkurs zu Rudolf Bahros "Logik der Rettung" | 49 |
| 9. | Resultat | 55 |
| Literaturverzeichnis | 57 | |
| Weiterführende Literatur | 60 | |
| Anhang | ||
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8. Exkurs zu Rudolf Bahros "Logik der Rettung" Ökopax, Stammesräte, Reinigung und Große Ordnung sind die Bahros Logik der Rettung entsprechenden Alternativen zum vermeintlichen Ökozid. Der 1979 aus DDR-Haft entlassene Rudolf Bahro wandte sich nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik sofort der Grünen Partei zu. In der DDR ist er wegen seiner Stalinismus-Kritik inhaftiert worden. 1985 hat er die Grünen verlassen, weil sie nach seiner Ansicht reformistisch auf Machtbeteiligung aus waren und "die ursprüngliche Substanz ihres Ansatzes in tagespolitisches Kleingeld eingewechselt" hatten.1 Es ist an anderer Stelle bereits ausgeführt worden, wie die "ursprüngliche Substanz" der Grünen beschaffen war. Heute doziert Bahro an der Berliner Humboldt-Universität und bietet Meditationskurse zur "östlichen Spiritualität" an. In seinem Selbstbild ist er eher überparteilich alternativ denn explizit links oder rechts orientiert. Seine Kritik an den Grünen zielte auf deren Versuch, politikfähig zu werden, ab. Die "Logik der Rettung" war von ihm dann auch auf die geistigen Grundlagen der ökologischen Krise gerichtet und nicht vorrangig auf ökologische Politik. Die Abweisung politischer Handlungs- und Vermittlungsmöglichkeiten kann hier als ein Kennzeichen für Bahros Denken hervorgehoben werden. Diese ist auch ein Anknüpfungspunkt für rechte Positionen: "Daher schreibe ich dieses Buch nicht so sehr über ökologische Politik als über ihre Grundlagen, ihren geistigen Zusammenhang, die Verwurzelung der Katastrophe wie der möglichen Rettung im menschlichen Wesen. Nur von dort aus gibt es eine radikale und im genauen Sinne fundamentalistische Antwort." 2 Wie er bei seinem Rückbezug auf das menschliche Wesen und den Ursprung zu totalitären Lösungen gelangt, wird noch zu zeigen sein. Seine Rezeption der Apokalypse hebt sich von der der MUT-Autoren ab. Er gibt zu erkennen, dass er sich ihrer Eigenart durchaus bewusst ist. Apokalypse bedeutet nicht Untergang, sondern sie deutet ausgehend vom Untergang die Jetztzeit und die kommende Zeit, die sie als heil beschreibt. Bahro sieht ganz souverän in der Apokalypse ein heuristisches Prinzip.3 Wenn der schlechte Ausweg für höchstwahrscheinlich angenommen wird, kann noch eine Chance aufleuchten: "Wer die Apokalypse für möglich hielt, wurde zum Pessimisten erklärt, obgleich es in der Regel umgekehrt ist. Das Motiv der apokalyptischen Vision ist fast immer die Überzeugung, es gäbe nur dann noch eine Chance, wenn wir den schlechten Ausgang für höchstwahrscheinlich halten, nämlich bei Fortsetzung der bisherigen Lebenspraxis." 4 Offenbar muss er sich für seine Apokalypse-Rezeption gegen Kritiker verteidigen. Dass der Bezug zur Apokalypse an sich nicht problematisch ist, ist ein berechtigter Hinweis: "Auf der Linken war (und ist es zum Teil noch immer) eine zusätzliche falsche Angst im Wege. Manche gehen soweit, den Topos der Apokalypse schon selbst für das Vehikel einer brauen Gefahr zu halten." 5 Bahro hätte gute Gründe, diese Einwände für sich zu überdenken; nicht etwa wegen der braunen Gefahr (die ja auch eine Angst-Vision ist), sondern weil er sich bei seiner Suche auf ein problematisches Feld begeben hat. Seine nun vorzustellenden Lösungsansätze offenbaren wenig Realitätssinn. Problematisch sind sie u. a., weil sie wieder in den Bereich des Politischen hineinweisen. Allen Ernstes empfiehlt er ein Zurück zu natürlichen Ordnungen und zur "Stammesdemokratie". "Die Perspektive ist ein von der Lokalität bis zur Weltebene übereinandergebautes System von Stammesräten. " 6 Seiner Meinung nach sind Stammesräte schon immer "ökologische Räte" gewesen.7 Für Bahro ist es selbstverständlich, dass Deutschland eine gewichtige Position bei der Installierung dieser Weltregierung von Stammesräten einnehmen kann: "Wir brauchen jetzt eine Weltregierung, die dieselbe Funktion erfüllt (wie die ursprünglichen Stammesräte, R. K.). Was wir zuerst haben können und in Deutschland zuerst schaffen müssen, das ist eine nationale Institution dieses Charakters, die, indem sie auf die Axiome des Rettungsweges verpflichtet ist, zugleich jede nationalistische Beschränktheit vermeidet ( ... )".8 In dieser Institution soll es keinerlei Vertretung sozialer "Sonderinteressen" mehr geben. Wenn sich Bahro gegen seine Kritiker noch verteidigt hat, dass die Rezeption der Apokalypse nicht unbedingt zu einer braunen Ideologie führen muss - dann begibt er sich hier jedoch in einen Widerspruch: Der ehemalige Stalinismus-Kritiker empfiehlt für seine vorgeschlagene Volksvertretung eine "Praxis der Reinigung", um Einzelinteressen auszuschalten. Von dieser Position ist es nur ein kleiner Schritt zur "Säuberung", einem bevorzugten Machtinstrument totaler Herrschaft: "Die in diesen allgemeinen Rat des Volkes entsandten Delegierten sind gehalten, von ihren besonderen Interessen und den besonderen Interessen etwa ihres Territoriums oder ihres Arbeitsfeldes im gesellschaftlichen Alltag abzusehen. Das wird durch eine Praxis der Reinigung verbürgt, die im Mittelpunkt der gesetzgeberischen Arbeit steht." 9 Soweit ist kaum einer der MUT-Autoren gegangen. Bahro geht noch weiter. Sein Ökologischer Rat soll "die Stimme der Gottheit hörbar zu machen suchen".10 Die Rettungsregierung muss heilende Wirkung haben, und für die Öko-Bewegung ist es seiner Meinung nach wichtig, endlich den Willen zur Teilnahme an der Macht zu entfalten: "Es kommt darauf an, den Willen zur verantwortlichen Teilnahme an der sozialen Macht herauszubilden, den Entwurf der ökologischen Wende und ihre Institutionen schon in diesem Sinne zu entwickeln." 11 Diese Institutionen sollen gegenüber dem Bundestag weisungsberechtigt sein. Themen von Volksbefragungen werden von ihnen festgelegt; an Stelle der zivilen Gesellschaft tritt eine göttliche legitimierte Volksgemeinschaft.12 Eine eingehende Kritik von Bahros Auslassungen wäre angebracht. Stillschweigendes Ignorieren könnte auch eine legitime Reaktion auf eine derartige Text-Produktion sein. Innerhalb meiner Arbeit wurde die "Logik der Rettung" behandelt, um sie dem Text-Material von MUT-Autoren korrespondierend zur Seite zu stellen. Das Buch bestätigt, dass ganz unterschiedliche Motivationen zu ähnlichen Resultaten führen können. Als umweltbewegter Alternativer entwirft Bahro Handlungskonzepte, die diffus, aber doch bestimmt auf die Einschränkung der Freiheit und die Ausschaltung gesellschaftlicher Vermittlung gerichtet sind. Darüber vermag auch nicht seine linksalternative Aura hinwegzutäuschen; ob er nun Vertreter von Minderheiten in seinen Rat haben will oder aber darauf hinweist, dass das eigene Volk nicht gegen die Interessen anderer Völker handeln darf. Es ist sicher nicht ganz unbegründet zu behaupten, dass Bahros Apokalypse-Rezeption zu tendenziell-reaktionären Positionen führt. Auch Bahro instrumentalisiert die Untergangsängste in antidemokratischer Weise. Er verfügt, gegenüber MUT-Autoren, über eine profundere Kenntnis der Apokalypse; um so bedauernswerter ist es, wenn man gute Absichten voraussetzt, dass seine Vision eine nicht eben sehr geglückte ist. Das trifft zumindest auf einige ihrer politischen Implikationen zu. Die unzeitgemäßen Rückbezüge auf vermeintliche Sicherheiten zielen auf eine die Individualität negierende Volksgemeinschaft ab. Damit nähert sich Bahros Alternative rechtskonservativen Vorstellungen an; wie es unter anderem einer von den Grünen in Baden-Württemberg herausgegebenen Dokumentation zu entnehmen ist. Die von der Kommission "Rechtsextreme Unterwanderung der Grünen und nahestehender Vereinigungen" erarbeitete Dokumentation zog ein etwas hilflos anmutendes Fazit: "Eine Reihe grüner Grundpositionen sind unvereinbar mit braunem Gedankengut und können - sofern sie entwickelt werden und mit entsprechendem öffentlichen Bewusstsein verbunden sind - als antifaschistischer Block wirken." 13 Aus der Dokumentation zur Problematisierung der Gefahr rechter Unterwanderung geht hervor, dass die Grünen Baden-Württembergs Tugenden wie Pflicht, Ehre, Treue und Vaterlandsliebe noch unentschlossen gegenüber standen: "Einige weitere Fragen sind noch in der allgemeinen Diskussion: So wird der Begriff des Wertkonservatismus noch sehr undifferenziert bemüht. Nicht jeder Wert ist konservierenswert. Wie wir es mit den sogenannten "Sekundärtugenden" (Carl Amery) - wie Pflicht, Ehre, Vaterland oder Treue halten wollen, ob wir uns nach ihren Inhalten fragen, das wird sich noch zu entscheiden haben." 14 Obgleich sich die Grünen hier mit der Abgrenzung gegen ihre rechten Klientel und Mitstreiter schwer taten laut Hinweis des Politwissenschaftlers Stöss haben sie sich nach harten Diskussionen von ihrem rechten Bodensatz frei gemacht.15 Wenn die Grünen aber konstatierten, dass eine Reihe ihrer Grundpositionen unvereinbar mit braunem Gedankengut sind, dann ist auch auf einige durchaus zu vereinbarende Position hinzuweisen. Für Bahros unzeitgemäße Äußerungen bleibt zu hoffen, dass ihr Wirkungskreis auf den der Literatur beschränkt bleibt. 1 Vgl. Bahro, R., Logik der Rettung, S. 9.
2 Ebenda, S. 19. 3 Vgl. ebenda, S. 77. 4 Ebenda. S. Ebenda, S. 78. 6 Ebenda, S. 490. 7 Ebenda. 8 Ebenda, S. 491. 9 Ebenda, S. 491 f. 10 Ebenda, S. 493. 11 Ebenda, S. 495 12 Vgl. ebenda, 5. 492. 13 Schäfer, W., Konservativer Aufbruch, S. 28. 14 Ebenda. 15 Gespräch des Verfassers mit Stöss, Mai 1992. August 2005 / Rudolf-Bahro-Archiv |