KierkRiem
Kierkegaard im Licht der Psychologie
Krankheitsbilder der Angst - theologisch und tiefenpsychologisch betrachtet
Einige Aspekte nach Fritz Riemann: Grundformen der Angst
(Abkürzungen: z.B. gr.a = griechisch a in Ks Text)
Wenn wir von Krankheitsbildern der Angst sprechen, dann scheinen wir vorauszusetzen, dass Angst eine Art Krankheit ist. In der Tat kann Angst, große Angst, können Ängste in der einen o. anderen Form Krankheiten verursachen und Krankheitsbilder bestimmen. Doch werden wir darum - zunächst jedenfalls nicht - nicht einfach sagen können, dass die Angst eine Krankheit ist. Angst ist mit dem Dasein des Menschen aufs engste verbunden. Menschliches Dasein heißt in einem fundamentalen Sinn eben auch Angst haben bzw. In-Angst-Sein. (In gewisser Weise können wir das von jedem Lebewesen sagen.) Angst ist also ein anthropologisches Urdatum: Mit dem Menschsein und seinem In-der Welt-Sein - von frühester Jugend an - ist auch die Angst da. Jesus hat dies - eben ohne sich auf ein Kranksein an dieser Stelle zu beziehen - in Joh. 16, 22 umfassend gesagt: "In der Welt habt ihr Angst; seid getrost, ich habe die Welt überwunden."
Diesen Zusammenhang, den wir bei Paulus etwa in Römer 7 finden -haben die Reformatoren bes. Luther wiederentdeckt. Er ist neu und in bis heute bestimmender Weise von S. Kierkegaard formuliert worden. Es ist lohnend, hier auf Kierkegaard einzugehen, weil er in seinen Schriften: "Der Begriff Angst" (1844) und "Die Krankheit zum Tode" nicht nur Grundlegendes zu der Trias Angst, Verzweiflung u. christlicher Glaube zu sagen hat, sondern weil sich seine Überlegungen gut eignen, eine Brücke zur modernen Tiefenpsychologie herzustellen. Hier sehen wir, dass die theologischen und psychologischen Gedanken über die Angst, als eine grundlegende Form der Daseinsverfassung des Menschen nicht auseinanderklaffen müssen: hier Theologie, dort moderne Humanwissenschaft. Wir entdecken vielmehr die Verbindungen. Das ist ja auch nicht verwunderlich, wenn wir bedenken, dass anthropologische Grundkategorien eines theologischen Existenzverständnisses ihr psychologisches Pendant haben bzw. haben müssen.
Kierkegaard kann in der reformatorischen Traditionslinie nämlich Angst bzw. die Verzweiflung als Verfassung von Existenz überhaupt beschreiben; dies tut er auch, bevor er Angst unter bestimmten Aspekten als Krankheit beschreibt. Er beginnt mit einer Definition des Menschen bzw. des menschlichen Selbst.
Mit diesem Titel bezieht K. (=Kierkegaard) sich auf Joh. 9,4 "Der Mensch ist Geist. Was aber ist Geist? Der Geist ist das Selbst. Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist da an dem Verhältnisse, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält.
Ein solches Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, ein Selbst, muß entweder sich selbst gesetzt haben, oder durch ein Anderes gesetzt sein.
Ist das Verhältnis, das sich zu selbst verhält, durch ein Anderes gesetzt, so ist das Verhältnis freilich das Dritte, aber dies Verhältnis, dies Dritte, ist dann doch wiederum ein Verhältnis, verhält sich zu demjenigen, welches das ganze Verhältnis gesetzt hat.
Ein solches abgeleitetes, gesetztes Verhältnis ist des Menschen Selbst, ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, und, indem es sich zu sich selbst verhält, zu einem Anderen sich verhält."
Kierkegaard ist von vornherein bei diesen relativ abstrakten Bestimmungen der Auffassung, dass das Selbst ein Verhältnis ist, das sich nicht selbst gesetzt hat, sondern sich als Verhältnis als ein Selbstverhältnis vorfindet. Da ich mich zu mir selbst verhalte, ist nicht primär Sache meiner Aktivität, sondern die Sache Gottes, der mich geschaffen hat, insofern er mich als ein solches Wesen geschaffen hat, das sich zu sich selbst und damit zu anderen in Beziehung setzen kann. Der Grund meines Soseins als Selbstverhältnis liegt nicht in mir, sondern in dem schöpferischen Grund Gottes. Dies zu wissen, ist freilich nur dem Glauben gegeben. Der Glaube, das deutet K. hier schon an, legt den Grund nicht in mich selbst, in das Selbst der Existenz, sondern in ein Drittes o. Anderes, von dem es sich als Existenz - und somit als Selbstverhältnis her - verdankt und gegeben weiß. (Hier ist K. von Luthers extra se abhängig; der Mensch hat sein Wesenszentrum außerhalb seiner vgl. Gr. Katech. Erklärung zum 1. Gebot. Vom extra se her ist erst der Zugang zum pro nobis Gottes in Christus und von daher das in nobis möglich.)
Angst und Verzweiflung - in dem grundlegend existenziellen Sinn - rühren daher, dass dem Menschen dieses Wissen des Glaubens verstellt ist. Der Mensch sucht den Grund seines Existierens in sich selbst. Der von den Reformatoren benannte Eigenwille - das cor incurvatum in se Augustins - als spezifische Form der Sünde meint von hier aus, nicht nur den Eigenwillen, dies oder jenes trotzig o. verzagt durchzusetzen - dies auch - sondern jenen Eigenwillen, in dem der Mensch sich den Grund seines Daseins sich selbst zuschreibt und damit außeracht läßt, dass er diesen Grund für sein eigenes Dasein nur Gott zuschreiben kann.
Kierkegaard beschreibt nun diese Verkehrung des Menschen in seiner Grundhaltung zu sich selbst als Verzweiflung, in dreifacher Form. Dann auch als Angst. Zunächst die Verzweiflung, die in dem radikalisierten Sinn des in sich verkrümmten Menschen als Krankheit, als eine "Krankheit zum Tode" dargestellt wird:
"Verzweiflung ist eine Krankheit im Geist, im Selbst, und kann somit ein Dreifaches sein;
1. verzweifelt sich nicht bewußt sein ein Selbst zu haben. Hier ist also weder ein Bewußtsein, dass wir in Verhältnisbestimmungen leben - zu uns selbst und zu anderen, geschweige denn das Bewußtsein des Glaubens, der diese Verhältnisse als Ermöglichung menschlichen Existierens und Lebens überhaupt begreift, die uns von Gott geschenkt sind.
2. Verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen
3. Verzweifelt man selbst sein zu wollen.
Das menschliche Selbst als Verhältnis, als Selbstverhältnis - führt Kierkegaard seinen Gedanken weiter -, steht in der Spannung zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, dem Zeitlichen und dem Ewigen, dem Möglichen und dem Notwendigen. Diese Spannung ist mit dem Selbst ursprünglich gegeben. Sie macht das aus, was wir Angst nennen. So ist die Angst das Selbstischste im Menschen. Er kann sich im Unendlichen der Möglichkeiten und seiner Freiheit verlieren; insofern ist die Angst auch der Schwindel der Freiheit. Er kann an der Endlichkeit, dem Festgefahrenen seiner Gewohnheiten und starren Denkgewohnheiten auf der anderen Seite zerbrechen; er kann sich an das Zeitliche und Vergängliche ausliefern; er kann auf der anderen Seite das Ewige zwar suchen, es von sich her aber nie erreichen, er kann in der Fülle des Möglichen sich geradezu auflösen, er kann an den kalten Notwendigkeiten einer gesetzlich erstarrten Realität scheitern. Immer befindet sich der Mensch irgendwo zwischen diesen Extremen.
Die hier sich ergebenden Zuständlichkeiten und Verfassungsweisen menschlichen Daseins lassen sich in spezifischen Fehlhaltungen bzw. Krankheitsformen konkretisieren, die wir als Krankheitsbilder der Angst bezeichnen können. Der Ausdruck "Krankheitsbilder" könnte an dieser Stelle aber mißverstanden werden, da es sich nicht um Krankheitsbilder in der Weise handelt,als sie einem sorgsam abgrenzbaren Bereich des Pathologischen reserviert werden können; sie sind als Möglichkeiten mit Existieren des Menschen überhaupt gegeben; insofern müssen wir uns alle in der einen oder anderen Weise damit existenziell auseinandersetzen, - auch wenn wir vielleicht davor bewahrt wurden, die Angst in ihren extremen Spielarten durchleiden zu müssen.
Die Angst ist also insofern mit dem Menschsein gegeben, als der Mensch ein Selbst hat, besser ein Selbst ist d.h. und damit immer schon in einem Verhältnis zu sich selbst steht. Denn das Selbst ist ein Verhältnis. Aus der Art dieses Verhältnisses resultieren die Ängste: Verzweifelt man selbst sein zu wollen, erzeugt eine spezifische Angst; ebenso ein Verzweifelt nicht man selbst sein zu sein wollen. In dieser Spannung befindet sich der Mensch ja immer. Den Möglichkeiten, die im Selbstverhältnis liegen, wollen wir jetzt in einem Sinne nachgehen, der die psychologischen Konsequenzen offenlegt.
(Hier Kierkegaards These: Die Sünde kommt aus der Angst, weil die Angst das Selbstischste - Ich-Verkrümmung - im Menschen ist. Selbstisch sein heißt Sünder sein, heißt zugleich den Grund, das Dritte leugenen, das der Grund des Selbstverhältnisses, mein Woher, ist. Der Glaube ist es, der sich dieses seines Grundes in Gott gewiß ist; der Glaube als Sprung - weg von den Ersatzobjekten der Verzweiflung hin zu Gott.)
Nach Kierkegaard sind es vor allem zwei Polaritäten, in denen sich die Angst als Verhältnisweisen des Selbst darstellt, - eine Angst, die - wenn man bis in ihre letzte Konsequenz auszieht, in Verzweiflung endet.
Das Selbst befindet sich in der Spannung zwischen der Unendlichkeit und der Endlichkeit, zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit. Sowohl die Fixierung an die Unendlichkeit, wie an die Endlichkeit, die Fixierung an die Möglichkeit oder an die Notwendigkeit kann hier den extremen Zustand der Angst, die Verzweiflung begründen.
Nach F. Riemanns Buch: "Grundformen der Angst" lassen sich entlang dieses formalen Schemas 4 Grundtypen oder Krankheitsbilder der Angst bzw. der dieser jeweiligen Form entsprechenden Persönlichkeitsstruktur darstellen:
1. Schizoide Persönlichkeit
2. Die depressive Persönlichkeit
3. Die zwanghafte Persönlichkeit
4. Die hysterische Persönlichkeit
Bei allen 4 Formen muss man sehen, dass es sich hier um eine Typologie handelt; Mischformen nicht Idealtypen sind im Alltag eigentlich die Regel. Wie bei jeder Typologie erscheint manches in einem recht scharfen Licht.
Depressive Persönlichkeit
Die Depression kann man zunächst mit den Kategorien Kierkegaards als Angst bzw. Verzweiflung der Unendlichkeit bezeichnen. Der Depressive hat die Tendenz, die Endlichkeit, zu leugnen oder unbew. zu entwerten, einschl. seiner eigenen endlichen Existenz. Der Depressive flieht ins Unendliche, um seiner Endlichkeit, die ihm schlecht und sinnlos erscheint, zu entgehen. Er kann sich in Ideale flüchten, in eine weltenthobene Gottesbeziehung, in eine Überwertigkeit erträumter Realitäten. Der Depressive hat Riesenerwartungen, die die endlichen Gegebenheiten nur selten erfüllen; Enttäuschungen und Flucht vor den Enttäuschungen sind die Folge. Der Depressive leidet generell an der Leugnung der Menschlichkeit und Endlichkeit seiner Existenz, die für ihn oft so unter Schuldgefühlen liegen, dass er es dort nicht mehr aushält und in eine Pseudowelt ausweicht. Letzten Endes hat er Angst, ein eigenes - eben endliches - Ich zu entwickeln. Daher führt er oft eine abstrakte Existenz, die sich lieber in einem phantastischen Unendlichen verströmt. (Narzißtische Depression: die Verletzung des Ideals wird als Verletzung des Selbst empfunden.)
Verzweifelt man selbst sein zu wollen, ist der "Ausdruck für die Abhängigkeit des Selbst durch sich selber nicht zu Gleichgewicht und Ruhe zu gelangen..., sondern allein dadurch, dass es, indem es sich zu sich selbst verhält, zu demjenigen sich verhält, welches das ganze Verhältnis gesetzt hat." Letztlich kann alle Verzweiflung auf diese Form zurückgeführt werden: Verzweifelt man selbst sein zu wollen. Die Verzweiflung ist nicht einfach ein Mißverhältnis, sondern ein Mißverhältnis in einem Verhältnis, das sich zu selbst verhält, und durch ein Anderes gesetzt ist, so dass das Mißverhältnis in jenem für sich seienden Verhältnis sich zugleich unendlich reflektiert in dem Verhältnis zu der Macht, welche es gesetzt hat." Ist die Verzweiflung gänzlich ausgetilgt, gilt folgende "Formel": "Indem das Verhältnis sich zu selbst verhält, und indem es es selbst sein will, gründet sich das Selbst durchsichtig in der Macht, welche es gesetzt hat."
B. (10 - 13) "Möglichkeit und Wirklichkeit der Verzweiflung"
Die Verzweiflung ist ein Vorzug und ein Mangel zugleich. Nur der Mensch kann verzweifeln, nicht das Tier. Wiederum ist es der Vorzug des Christen auf diesen Mangel aufmerksam sein zu können. "Von dieser Krankheit geheilt sein ist des Christen Seligkeit." Es ist unendlicher Vorzug verzweifeln zu können, und es ist das größte Unglück und Elend es zu sein, "es ist Verlorenheit".
"Verzweiflung ist das Mißverhältnis im Verhältnis einer Synthesis, die sich zu sich selbst verhält. Die Synthesis aber ist das Mißverhältnis nicht, sie ist bloß die Möglichkeit, oder in der Synthesis liegt die Möglichkeit des Mißverhältnisses."...Nein, ob er verzweifelt, das liegt am Menschen selber".
(Überleitung zum Begriff <Verantwortung> --> die ethische Dimension der bisherigen Überlegungen):
"Woher kommt denn also die Verzweiflung?" Aus dem Verhältnis, in welchem die Synthesis sich zu sich selbst verhält, indem Gott, der den Menschen zu dem Verhältnis gemacht hat, ihn gleichsam aus seiner Hand losläßt, das heißt, indem das Verhältnis sich zu sich selbst verhält. Und darin, dass das Verhältnis Geist ist, das Selbst ist, darin liegt die Verantwortung. Die Verzweiflung ist nicht ein Unglück, die der Mensch als Widerfahrnis erfährt, sondern eine von ihm selbst vollzogene Möglichkeit.
C. (13 - 17) ""Verzweiflung ist: "die Krankheit zum Tode""
Da der Tod christlich verstanden nicht das Ende ist, sondern Durchgang zum Leben, kann der o.g. nicht wörtlich genommen werden. Der "Verzweiflung Qual ist gerade, dass man nicht sterben kann." Insofern ist diese Verzweiflung Hoffnungslosigkeit. ...In dieser letzten Bedeutung ist denn Verzweiflung die Krankheit zum Tode, dieser qualvolle Widerspruch, diese Krankheit im Selbst, ewig zu sterben, zu sterben und doch nicht zu sterben, den Tod zu sterben." "Dennoch ist Verzweiflung eine Selbstverzehrung, jedoch eine ohnmächtige Selbstverzehrung, in welcher die Verzweiflung nicht vermag, was sie will...In der Verzweiflung kann der Verzweifelte nicht sich selbst verzehren, nicht sich selber "loswerden, nicht zu Nichts werden. Dies ist die potenzierte Formel für die Verzweiflung".
Indem der Verzweifelte über etwas verzweifelt, verzweifelt er an sich selbst. Er wird sein Selbst in diesem Status der Verzweiflung nicht los. Bei der Erfüllung seines Herzenswunsches (ein Cäsar zu sein) wäre er sich selbst in dem, was er da werden wollte, losgeworden.
Verzweiflung über etwas ist noch nicht eigentlich Verzweiflung. Es ist der Anfang. Das Nächste ist die erklärte Verzweiflung, über sich selbst verzweifeln.
K. reflektiert jetzt noch einmal von A. her, von der umgekehrten Seite her; (beide Seiten gehören für ihn freilich zusammen):
"Ein Verzweifelnder will verzweifelt er selbst sein." Insofern will er sich nicht loswerden. "Das Selbst, das er verzweifelt sein will, ist ein Selbst, das er nicht ist (denn das Selbst sein zu wollen, das er in Wahrheit ist, ist ja das gerade Gegenteil von Verzweiflung), er will nämlich sein Selbst losreißen von der Macht, die es gesetzt hat. Indes das vermag er trotz allem Verzweifeln nicht; trotz aller Anstrengung der Verzweiflung ist jene Macht die stärkere, und zwingt ihn das Selbst zu sein, das er nicht sein will. Aber dergestalt will er ja doch sich selber los sein, das Selbst los sein, das er ist, um das Selbst zu sein, auf das er verfallen ist. So Selbst sein, wie er es will, das würde, wiewohl in einem anderen Sinn, ebenso verzweifelt, seines Herzens Lust sein; aber gezwungen werden so Selbst zu sein, wie er es nicht sein will, das ist seine Qual, die Qual, dass er sich selber nicht los werden kann." (16)
B. Die Allgemeinheit dieser Krankheit (der Verzweiflung). Verzweiflung als anthropologische Kategorie (18ff)
Wir gehen über zu: C.
Die Gestalten dieser Krankheit (der Verzweiflung)
K. bringt im folgenden eine Phänomenologie der Verzweiflung. Hier kann man Parallelen zu neueren Formen der Psychopathologie
A. "Verzweiflung auf die Art betrachtet, dass nicht darauf reflektiert wird, ob sie bewußt ist oder nicht"
a. Verzweiflung gesehen unter der Bestimmung Endlichkeit -Unendlichkeit
"Man selbst werden heißt konkret werden".
(gr.a) "Die Verzweiflung der Unendlichkeit ist, der Endlichkeit zu ermangeln" (26)
"Die Verzweiflung der Unendlichkeit ist daher das Phantastische, das Grenzenlose".
K. schildert das Verlieren eines im Prinzip endlichen Selbst in der Unendlichkeit. Dies kann eine Art "Rausch" sein. Auch das Gottesverhältnis ist eine Verunendlichung; es kann - wenn es mit rechten Dingen zugeht - nicht Rausch sein, da Gott es ist, der die setzende (schöpferische) Macht des Selbstverhältnisses des Selbstes ist. Gott aber als Symbol für ein Sich-Transzendieren des Selbst über sich hinaus in eine grenzenlose göttliche Weite kann seinen Verlust bedeuten. C.G. Jung hat dies mit dem Begriff der "Inflation" beschrieben; Inflation bedeutet Überschwemmung durch archetypische Kräfte oder auch eine Identifikation mit einem Archetyp, der das menschliche Selbst in sich aufsaugt.(z.B.: extrem idealistische Einstellungen: Alles oder nichts.)
(gr.b) Die gegenteilige Entsprechung dieses Phänomens ist "Die Verzweiflung der Endlichkeit, der Unendlichkeit zu ermangeln"
"Die Unendlichkeit ermangeln ist verzweifelte Begrenztheit, Borniertheit." Diese Form kann z.B. die Verlorenheit an die Welt mit ihren Endlichkeiten (Dingwelt, Ereignissen, Zufällen) bedeuten. Wir finden hier - bei der "verzweifelten Borniertheit" eine Entsprechung zu K.s Begriff der Angst, der Angst angesichts des Nichts, in der der Mensch sich an Endliches klammert, um dieser eigentlichen Angst nicht innewerden zu müssen.
Zu beiden Formen in (gr.a) und (gr.b) stehen in Analogie die Formen, die K. als
b. "Verzweiflung gesehen unter der Bestimmung Möglichkeit - Notwendigkeit" beschreibt.
(zu gr.a) Die Möglichkeit, in der ein Mensch verzweifelt "zappelt", ist hier das unendlich Mögliche in Gegensatz zum Notwendigen (z.B. ein Mensch findet nie seine Bestimmung (seine Notwendigkeit); er verharrt im Unverbindlich-Möglichen. Da er seine Notwendigkeit nicht findet, verfehlt er seine Wirklichkeit. "Der Mensch geht seines Selbsts dadurch verlustig, dass dies Selbst phantastisch sich reflektierte in der Möglichkeit" (33). K. weist auf die in der idealistischen Logik übliche Definition hin, wonach Notwendigkeit die Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit ist. (33)
(zu gr.b) Der gegenläufige Aspekt: "Die Verzweiflung der Notwendigkeit ist, der Möglichkeit zu ermangeln"
Möglichkeit als Form der Freiheit. "Alle Dinge sind möglich bei Gott"; insofern ist der Kampf des Glaubens, ein Kampf um die Möglichkeit, um die Freiheit von den Zwängen der Notwendigkeit. (Hierzu gehören auch der Determinist und der Fatalist, weiterhin: Spießbürgerlichkeit o. Geistlosigkeit 37f).
B. "Verzweiflung gesehen unter der Bestimmung Bewußtsein"
a) "Verzweiflung, die unwissend ist darüber, dass sie Verzweiflung ist, oder die verzweifelt Unwissenheit, die nicht weiß, dass sie ein Selbst hat, ein ewiges Selbst". Unbewußte Verzweiflung: Ein Mensch kann subjektiv glücklich sein, objektiv verzweifelt; er geht im Sinnlichen, dem Angenehmen bzw. Unangenehmen auf. Bild vom Haus: der traurige, lächerliche Fall tritt ein, dass Menschen in ihrem eigenen Haus nur im Keller (im Sinnlichen d.h. der untersten geistigen Stufe) wohnen. (z.B. K. meint Hegel, der ein riesiges geistiges Gebäude erbaut hat, selbst aber im "Schuppen daneben, in der Hundehütte, im Pförtnerstübchen" wohnt. K. zieht die Parallele zur Angst. "Die Angst der geistlosen Sicherheit wird an der geistlosen Sicherheit erkannt."
b. "Die Verzweiflung, die sich dessen bewußt ist Verzweiflung zu sein, die mithin sich dessen bewußt ist ein Selbst zu haben, worin doch etwas Ewiges ist, und in der man nun entweder verzweifelt nicht man selbst sein will, oder verzweifelt man selbst sein will." (45)
(gr. a) "Verzweifelt man selbst sein zu wollen. Die Verzweiflung der Schwachheit"
1. "Verzweiflung über das Irdische oder über etwas Irdisches"(48)
Dem Selbst "stößt etwas zu": Glück, Unglück, Schicksal. Die Verzweiflung ist hier "reines Erleiden".
Diese Form ist die: verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen.
Diese Form ist die Verzweiflung der Schwachheit. In dieser Form will das Selbst ein anderes Selbst als es selbst werden. Dies ist "unendlich komisch". Das Selbst erlebt sich als Äußerlichkeit, die es abzustreifen bzw. auszuwechseln gilt, wie der Bauer, der wegen neuer Strümpfe seine Beine nicht mehr als die seinen erkennen kann (52). Es gälte hier, sein Selbst angesichts der Schwachheit in Demut d.h. vor Gott zu "übernehmen." Das Lächerliche, Komische an dieser Verzweiflung ist: Dass der Mensch reflektiert und im Akt der Reflexion an sein Selbst, das er anders haben oder loswerden will, gebunden ist. Indem er sich loswerden will, kann er sich gar nicht loswerden, da er reflektiert, wie er sich loswerden kann. Es ist Flucht vor der eigenen Endlichkeit hin in anderes Endliche. (Diese Art der Verzweiflung macht aus dem Menschen einen Spielball des sog. Zufalls.) - Es handelt sich hier um die gewöhnlichste Form der Verzweiflung.
2. "Verzweiflung am Ewigen oder über sich selbst."
Verzweiflung über die Schwachheit. Der so Verzweifelnde verzweifelt über seine Schwachheit in dem Sinne, dass er sich ihretwegen den Vorwurf macht, das Ewige verloren zu haben, so als sei der Gewinn der Ewigkeit davon abhängig, wie er mit seiner Schwachheit hätte fertig werden müssen. Statt sich unter Gott angesichts seiner Schwachheit zu demütigen, verzeiht er sie sich nicht und pflegt so ein Idealbild von sich selbst. (Man könnte sagen: K. beschreibt hier die narzißtische Depression). K.: "Das Selbst will sich nicht zu sich selbst bekennen, nachdem es so schwach gewesen ist. Verzweifelt kann es diese Schwachheit nicht vergessen, es haßt gewissermaßen sich selber, es will nicht sich gläubig unter seine Schwachheit demütigen, um solchermaßen sich selbst wieder zu gewinnen, nein, verzweifelt will es sozusagen von sich selbst nichts hören, von sich selbst nichts zu sagen wissen." (62) --> Von hier her kommt es zur Verschlossenheit (Analogie zum Dämonischen im Begriff der Angst!) Der Verzweifelnde verbirgt seine Verzweiflung vor sich selbst. --> Von hier her kommt es des weiteren zu Kompensationsbewegungen, von denen niemand etwas ahnt. Ein Ehemann z.B. wird besonders sanft, um etwas im Verborgenen wieder gutzumachen, das ihn quält, über das er nicht sprechen kann. Seine angebliche Gutheit steht auf diesem Abgrund, sich selbst etwas nicht verzeihen zu können, es zugleich aber ständig wiedergutmachen zu müssen (64). Seine Verschlossenheit kann dieser Mensch nicht aufgeben; dies disponiert ihn zum Selbstmord. (66) K. bringt an dieser Stelle das eindrückliche Beispiel vom Tyrannen und seinem Vertrauten, den jener aufgrund seiner Verschlossenheit wird umbringen müssen.
(gr. b) "Die Verzweiflung, verzweifelt man selbst sein zu wollen. Trotz" (67ff)
K. unterscheidet zwei Hinsichten: eine aktive (handelnde), eine passive (leidende).
Zweiter Abschnitt
A. Verzweiflung ist die Sünde
"Sünde ist: vor Gott, oder mit dem Gedanken an Gott verzweifelt nicht man selbst sein wollen, oder verzweifelt man selbst sein wollen." "Sünde ist die Potenzierung der Verzweiflung". K. hebt das "vor Gott" hervor.
K. geht auf einen für ihn grundsätzlichen Unterschied des Existierens ein: Das Sich bloß - z.B. in der Phantasie - zu etwas zu verhalten, ist verschieden von dem, etwas zu sein. In anderen Schriften K.s ist dies der ästhetische und der ethische Aspekt. Im Verhältnis zu Gott ist ein ästhetisches Verhältnis Sünde; hier kann nur die ethische - d.h. das Sein selbst - Beziehung in Frage kommen.
Erstes Kapitel
Die Stufen des Bewußtseins vom Selbst
(Die Bestimmung: vor Gott) (77)
Die Stufen sind im Blick auf das Vorhergehende folgende:
Die Unwissenheit darüber, ein ewiges Selbst zu haben. (Dialektik von Endlichkeit-Unendlichkeit) (C.B.a)
Die Unwissenheit darüber ein Selbst zu haben, in dem doch etwas Ewiges ist. (Dialektik von Möglichkeit-Notwendigkeit) (C.B.b)
"Eine neue Qualität aber und Qualifizierung wird dem Selbst dadurch zuteil, dass es das Selbst Gott gegenüber ist. Dies Selbst ist nicht mehr das bloß menschliche Selbst, sondern ist, was ich, in der Hoffnung nicht missverstanden zu werden, das theologische Selbst nennen möchte, das Selbst Gott gegenüber." (77/78) Analog dazu: Das Schreckliche der Sünde ist dies, dass sie Sünde vor Gott ist; "das potenziert sie unendlich."
"Sünde ist: vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein wollen, oder vor Gott verzweifelt man selbst sein wollen." (80) Alles läuft für K. auf den "Eigenwillen des niederen Selbst" hinaus. Sünde ist Verzweiflung; "denn Sünde ist nicht die Irrnis von Fleisch und Blut, sondern des Geistes Einwilligung darein, und dies: vor Gott."
Demgegenüber steht die Bestimmung des Glaubens: "Glaube ist: dass das Selbst, indem es es selbst ist und es selbst sein will, durchsichtig sich gründet in Gott." (81)
Beilage: Dass die Definition der Sünde die Möglichkeit des Ärgernisses in sich trägt; eine allgemeine Bemerkung über Ärgernis
Das Folgende in Zusammenfassung:
K. entwickelt den Gegensatz von Sünde und Glaube. Zunächst setzt er sich mit der sokratischen Bestimmung der Sünde auseinander: "Sünde ist Unwissenheit" (87).
Auf der einen Seite nimmt K. dies positiv auf: In der Tat ist Sünde auch Unwissenheit. Daher muß der Mensch kraft Offenbarung über die Sünde belehrt werden. Von sich aus kann er nicht um die Sünde wissen. --> Von hier aus ist die Lehre von der Sünde legitimiert; Sünde ist ein Zustand, über den der Mensch belehrt werden muß.
Auf der anderen Seite ist die sokratische Bestimmung christlich unmöglich. Denn nimmt man die Sünde radikal, und sie kann nur radikal genommen werden, - dann befindet sich der Mensch als ganzer in Sünde d.h. einschl. seiner Erkennntisbedingungen über die Sünde. M.a.W. Sünde ist zugleich selbst Unwissenheit über die Sünde, eine Verschlossenheit, die sich ihres wahren Zustandes niemals von sich aus innewerden kann. Das Wissen kann nur von außen kommen: durch die "Belehrung" der Offenbarung.
Im Zuge dieses Gedankens setzt sich K. weiterhin mit der klassisch-griechischen - der sokratischen - Auffassung auseinander: Wer immer das Rechte erkennt, wird es kraft Erkenntnis auch tun. Eben dies scheint für K. nicht zu stimmen. Im Blick auf die zeitgenössische Theologie beobachtet er das Gegenteil: Hier gibt es Beispiele für ein Tun wider besseres Wissen. Manche theologischen Redner könnten schön darüber sprechen, wie das christlich Gute (etwa das Praktizieren der Nachfolge im Leiden) zu tun sei, brechen in ihrem eigenen Existieren alsbald davon ab. Dies ist für K. einerseits "unendlich komisch"; denn - so meint er - man stelle sich einen Menschen vor, der immerfort das tut, was wider sein eigenes besseren Wissen geschieht (Stoff für einen Dichter). Dann aber ist dieses Verhalten vor allem Spiegel der dahinterliegenden Sünde. Nicht nur die Unwissenheit ist Sünde, sondern auch dies, dass der Mensch gar das christliche Gute nicht verstehen will; dieses Verhalten ist Bosheit und mehr als das: auch der Wille kann qua Sünde nicht so wollen wie er will. Dennoch hat der Mensch die Verantwortung. Dies ist ein Paradox.
Die Sünde ist insofern ein Paradox, das nicht begriffen, nur geglaubt werden kann. Hier kommt K. zu Grundaussagen:
1. Die Sünde kann nur im Glauben als solche erkannt werden.
2. Das Selbst wird sich seiner Sünde im Glauben vor Gott (durchsichtig) offenbar.
3. Von hier aus vollzieht der Mensch den Sprung in das Paradox des Glaubens oder er sinkt in Verzweiflung bzw. hält an ihr fest.
Im Glauben demütigt sich der Mensch mit seiner Sünde vor Gott. Verzweiflung in ihren vielen von K. aufgeführten Spielarten ist im Grunde das Abwehrmanöver des Eigenwillens gegen diese Demütigung d.h. zugleich gegen die Erlösung. (vgl. das Dämonische im "Begriff Angst") Daher liegt in dieser Bestimmung der Sünde die Möglichkeit des Ärgernisses.
K. faßt an dieser Stelle verschiedene psychologisch relevante Formen der Verzweiflung ins Auge, die alle - jeweils auf verschiedener Stufe des Geistes - Manifestationen menschlichen Eigenwillens gegen das Göttliche sind. (111ff)
1."Das vergebe ich mir niemals!" Vielleicht hält es ein solcher Mensch für einen Ausdruck seiner "tieferen Natur", so zu sprechen. Im Grunde ist er also doch etwas viel Besseres, als das, was sich durch seine Sünde nun an ihm gezeigt hat. Das Sich-nicht-Vergeben-Wollen(Können) ist somit Ausdruck eines Idealbildes von sich, das eben insofern aufrechterhalten wird, als ein SICHERGEGANGEN nicht stattfindet. -
2. Wenn aber Gott ihm vergeben will, hat dieser Mensch dann "auch die Güte", sich selbst zu vergeben? (112) Hier taucht wieder die Dialektik auf: Verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen <--> verzweifelt man selbst sein zu wollen, - vor Gott.
Verzweiflung ist also - hier geht K. in den Spuren Luthers - Eigenwille, der nicht zulassen kann, dass Gott Gott ist. Darum ist Verzweiflung eine Variante des Wortes: "Sie ärgerten sich an ihm". Glaube dagegen ist dies: "Selig der, der sich nicht an mir ärgert." (128)
Nur durch die Demütigung des Eigenwillens ist daher die Verzweiflung zu überwinden. Welch "unergründlicher Widerspruch" göttlicher Liebe? Sie kann Menschen ins Elend, in die Demütigung führen, damit sie fähig werden zum Sprung des Glaubens - aus Liebe.
Im folgenden Abschnitt geht K. noch einmal auf das "Ärgernis" ein.
C. Die Sünde, das Christentum ausdrücklich (modo ponendo) aufzugeben, es für Unwahrheit zu erklären
"Die Potenzierung der Sünde zeigt sich deutlich, wenn man Sünde auffaßt als einen Krieg zwischen Mensch und Gott, bei dem man die Taktik ändert: die Potenzierung ist die Steigerung von Verteidigung zu Angriff: Sünde ist Verzweiflung...Die Sünde aber, das Christentum als Unwahrheit und Lüge aufzugeben, ist offensiver Krieg...Jetzt ist Sünde im Angriff". (127) "Sünde wider den Heiligen Geist ist die positive Form von Geärgertsein."
Die Möglichkeit des Ärgernisses ist für K. auch eine wichtige Grenze, die hindert, dass der Mensch Gott zu nahe kommt. Gott "sichert" sich gegen den Menschen durch das Ärgernis. Dieser Gedanke hat bei K. christologische Bedeutung: Zwar wird in der Lehre des christlichen Glaubens Gott Mensch. Doch anders als im "Heidentum" (128). Hier wird der Mensch zum Gott gemacht; im christlichen Glauben wird Gott selbst ein Mensch; Gott "macht sich zu einem Menschen." Darin zeigt Gott seine Liebe, opfert sich für den Menschen auf. Gott kann sein Leben opfern, aber das eine kann er nicht: das Ärgernis wegnehmen, auch wenn er es wollte.
An dieser Stelle wird bei K. nicht ganz klar, wie er das Ärgernis inhaltlich sieht; er hätte dies gut mit dem christologischen Gedanken verbinden können, dass Gott Mensch wird; dies tut er zunächst nicht expressis verbis; es läßt sich aus seinem Gedankengang aber unschwer erkennen. Worauf es ihm ankommt ist, dass ein Ärgernis mit dem Erscheinen Christi gegeben ist, und dass Gott selbst es nicht aufheben kann, ebenso wenig, wie er seine Liebe aufheben kann, was zugleich die Negation seiner Menschwerdung bedeuten würde. Die "Heiden" sagen, dass ein/der Mensch Gott wird/werden kann; damit nehmen sie dem Ärgernis den Stachel. Darin, dass Gott selbst Mensch wird, liegt das Ärgernis d.h. die Unmöglichkeit für den menschlichen Verstand, das zu begreifen und von sich aus anzunehmen. "Dass da der unendliche Qualtitätsunterschied ist zwischen Gott und Mensch, das ist die Möglichkeit des Ärgernisses, die man nicht fortnehmen kann. Aus Liebe wird Gott Mensch; er spricht: Siehe hier, was es heißt Mensch sein, indes, fügt er hinzu, nimm dich in acht, denn ich bin zugleich Gott - selig, der sich nicht an mir ärgert. Er nimmt als Mensch eines geringen Knechts Gestalt an, er drückt aus, was ein geringer Mensch sein heißt, auf dass kein Mensch sich ausgeschlossen halte oder meine, es sei menschliches Ansehen und Ansehen bei Menschen, das einen Gott näher bringe." (130)
K. befaßt sich am Schluß mit verschiedenen Formen des Ärgernisses:
(130ff)
1. Die gröbste Form ist die, vom "Christentum" zu sagen, es sei Lüge und Unwahrheit. Denn so zu reden hieße, eine derartige Aussage von Christus selbst zu machen.
2. Die niederste Form von Ärgernis ist menschlich gesprochen die unschuldigste: Die Indifferenz. Nach dem Motto: Ich glaube nichts, aber ich verurteile nichts. "Dass dies eine Form von Ärgernis ist, entgeht den meisten." Ich habe keine "Meinung" dazu d.h. ich entscheide mich weder für noch gegen.
3. "Die nächste Form des Ärgernisses ist negativ, jedoch im Sinne des Erleidens. Sie empfindet sehr wohl: Christus zu ignorieren vermag sie nicht; das mit Christus dahingestellt sein zu lassen und im übrigen im Leben geschäftig zu sein, dazu ist sie nicht imstande. Glauben aber kann sie auch nicht; so bleibt sie dabei, auf einen und denselben Punkt zu starren, auf das Paradox. Insofern ehrt sie doch das Christentum, sie drückt aus, dass die Frage: was dünkt euch um Christus? wirklich die entscheidenste ist. Solch ein Geärgerter lebt denn dahin gleich einem Schatten; sein Leben verzehrt sich, weil er in seinem Innersten immerzu beschäftigt ist mit dieser Entscheidung. Und dergestalt drückt er (gleichwie unglücklicher Liebe Leiden dies tut in Beziehung auf Liebe) es aus, welch eine Realität das Christentum hat." (133)
4. Die letzte Form des Ärgernisses "leugnet Christus (dass er gewesen ist und dass er der gewesen ist, der er nach seinem Worte sein wollte) entweder auf doketische oder auf rationalistische Art, dergestalt dass Christus entweder nicht wirklich, sondern nur scheinbar ein einzelner Mensch wird, oder nichts wird als ein einzelner Mensch, dass er entweder doketisch Poesie, Mythologie wird, die keinen Anspruch auf Wirklichkeit macht, oder rationalistisch eine Wirklichkeit wird, die keinen Anspruch darauf macht, göttlich zu sein. In diesem Leugnen Christi als des Paradoxes liegt natürlich wieder beschlossen das Leugnen von allen christlichen Bestimmungen: von der Sünde, der Sündenvergebung usf.
Dies Ärgernis ist der Sünde höchste Potenzierung, etwas, das, man allermeist übersieht, weil man nicht, christlich, die Entgegensetzung Sünde-Glaube bildet.
Dahingegen ist diese Entgegensetzung geltend gemacht worden durch diese ganze Schrift hindurch, welche alsogleich im ersten Abschnitt A, A die Formel für den Zustand aufgestellt hat, in dem schlechterdings keine Verzweiflung ist: indem es sich zu sich selbst verhält, und indem es es selbst sein will, gründet sich das Selbst durchsichtig in der Macht, welche es gesetzt hat. Eine Formel, die wiederum, woran des öfteren erinnert worden, die Definition ist für Glaube." (134)