Das Für und Wider einer Osterweiterung
der EU -
aus ökonomischer
Sicht
Christian Domnitz
Verwendete Literatur:
- das Vorlesungsskript,
- Baldwin, R. E., Francois, J. F., Portes, R.: The Costs and
Benefits of Eastern Enlargement: The Impact on the EU and Central Europe, in:
Economic Policy, 24/1997,
- Tichy, G.: Integrationstheorie und Osterweiterung, in:
Mayer, O. G., Scharfer, H.-E. (Hg.): Osterweiterung der Europäischen Union,
1997,
- Franzmeyer, Fritz: Wirtschaftliche Voraussetzungen,
Perspektiven und Folgen einer Osterweiterung der Europäischen Union, in:
Osteuropa - Wirtschaft, 44/1999, S. 135-159,
- Dauderstädt, Michael: EU-Osterweiterung: Wirkungen,
Erwartungen und Interessen in den Beitrittsländern, in: Integration
21/1998, S. 149-167.
Einleitung
Die geplante Osterweiterung der Europäischen Union wurde
und wird nicht nur in einer institutionellen, sondern auch in einer
Kostendebatte diskutiert. Eine Schlüsselrolle spielen hierbei die Kosten
von Strukturveränderungen in den Beitrittsländern, die zu den
erwarteten Gewinnen einer Osterweiterung ins Verhältnis gesetzt werden
müssen, um den wirtschaftlichen Nutzen (oder die aus politischen
Gründen in Kauf zu nehmende ökonomische Belastung) der Osterweiterung
abschätzen zu können. Beide Größen hängen stark von
der wirtschaftlichen Entwicklung im geplanten Erweiterungsraum ab und sind damit
schwer zu kalkulieren. Aus ökonomischer Sicht kann man die Wirkungen der
Marktöffnung, der Finanztransfers in die Beitrittsländer,
ordnungspolitischer Normen in den Beitrittsstaaten, notwendig werdender
institutioneller Reformen in der EU sowie zuletzt politische Ziele aller
beteiligten Partner separat bewerten.
Wer profitiert von der EU Osterweiterung - und wer
verliert?
Eine theoretische Bewertung der aufgestellten Kriterien ergibt
zunächst ein differenziertes Bild, das insgesamt sowohl für die
Beitrittskandidaten als auch für die derzeitige EU leicht optimistische
Aussichten vermittelt. Die Erweiterung des europäischen Binnenmarkts auf
die Beitrittskandidaten hat für beide Seiten positive und negative Aspekte
- einerseits eine Ausweitung der Märkte und damit eine höhere
Kaufkraft, andererseits eine - je nach Branche verschiedene - Verschärfung
der Konkurrenz. Dies gilt für beide Seiten gleichermaßen, jedoch
dürften die Unternehmen in der derzeitigen Europäischen Union
stärker profitieren, da sie effizienter sowie mit höherer
Qualität produzieren und damit konkurrenzfähiger sind. Dagegen stehen
niedrigere Produktionskosten in den Beitrittsstaaten, die jedoch auf lange Sicht
diese bessere Ausgangsposition nicht kompensieren können.
Die mit einer EU-Osterweiterung anfallenden Finanztransfers
begünstigen eindeutig die Beitrittsstaaten. Unterstützt werden sie
hauptsächlich mit Mitteln aus dem Strukturfonds sowie individuell bezogenen
Transfers aus dem Sozialfonds. Dazu kommt die Subvention agrarischer Produkte
bzw. deren subventionierte Nichtproduktion. Einzig aus der Sicht einer
Gewöhnungsgefahr, also der Entstehung einer dauerhaften strukturellen
Abhängigkeit der Beitrittsländer von den Transfers, sind diese
Zahlungen kritisch zu sehen. Für die EU-Stammstaaten und den EU-Haushalt
sind sie eine starke Belastung, wobei die Höchstgrenze der Einzahlungen in
den EU-Haushalt von 1,27 Prozent des Bruttosozialprodukts den Mitgliedstaaten
wiederum eine gewisse Planungssicherheit bietet.
Schwierig zu bewerten sind die ordnungspolitischen
Konsequenzen, die die EU-Osterweiterung für die Beitrittsstaaten mit sich
bringt. Einerseits stellen marktwirtschaftliche Reformen wie die Schaffung eines
unabhängigen, kontrollierten Bankensektors, von transparenter
Rechnungsführung in den Unternehmen und EU-kompatiblen Steuer- und
Rechtsordnungen auch ganz unabhängig von einem Beitritt die Chance zu einem
besseren Funktionieren der staatlichen Verwaltung und der freien Wirtschaft in
den betreffenden Staaten dar. Andererseits vermitteln die
regelmäßigen Berichte der EU-Kommission zum Stand der
Beitrittsvorbereitungen den Eindruck, dass die Beitrittskandidaten ganz
erhebliche, fast existenzielle Schwierigkeiten gerade auf diesem Gebiet haben.
Ob die Gründe hierfür nur in einer schwierigen Durchführbarkeit
oder in politischen Interessen liegen, sei dahingestellt. Denkbar ist jedoch,
dass es innerhalb der Beitrittsstaaten Gewinner und Verlierer solcher Reformen
geben kann und wird, womit die EU-Osterweiterung in die Gefahr der
Instrumentalisierung durch innenpolitische Interessen unterliegt.
Ähnlich verhält es sich mit institutionellen
Reformen innerhalb der Union selbst. Konzipiert als ein Bündnis einiger
weniger westlicher Ökonomien, gerät die Union durch die
kontinuierliche Erweiterung und Vertiefung an die Grenzen der institutionellen
Leistungsfähigkeit. Wenn die Osterweiterung institutionelle Reformen zur
Folge hat, die dies grundsätzlich ändern, ergäbe sich ein Gewinn
für die Union. Andererseits könnte das Scheitern derartiger
Bemühungen die EU an den Rand zur Handlungsunfähigkeit bringen. Als
einigendes Band bleibt so nur der prinzipielle politische Wille aller
Beteiligten zur Erweiterung, dessen Gelingen für die Einzelstaaten und die
EU insgesamt zweifelsfrei einen Gewinn an internationalem Ansehen
darstellt.
Viele Studien beschäftigen sich mit den Folgen einer
EU-Osterweiterung aus ökonomischer Sicht. Obwohl ihnen teilweise
unterschiedliche Annahmen zu Grunde liegen, befinden sich die Ergebnisse in der
gleichen Größenordnung. Eine Abschätzung der wirtschaftlichen
Folgen einer EU-Osterweiterung zunächst auf die Staaten der
Visegrád-Kooperation legten Richard E. Baldwin et al. mit einem
weltökonomischen Planspiel vor. Die Basis für die Berechnungen war
eine Osterweiterung der EU um die fünf Visegrád-Staaten bereits im
Jahr 2000. Demnach entfallen zwei Drittel der Erweiterungsgewinne von 11,2 Mrd.
Euro seitens der EU der fünfzehn auf Deutschland, Frankreich und
Großbritannien. Ein Drittel entfällt allein auf Deutschland. Der
einzige, minimale Verlierer der Osterweiterung war Portugal mit einem Verlust
von rund 44,8 Mio. Euro am BIP.
Noch viel mehr profitieren nach dem Planspiel jedoch die
Visegrád-Staaten. Bereits ohne die Einrechnung von Transferleistungen
beträgt ihr zum Basis-BIP relativer Wachstumsgewinn ein Vielfaches des
Werts für die EU der fünfzehn. Ein als “konservativ”
bezeichnetes weltökonomisches Szenario beziffert diesen auf 2,5 Mrd. Euro.
Weitere Ergebnisse dieser Rechnung ergaben absolute Gewinne aller EU-Regionen im
Erweiterungsprozess und einen Exportzuwachs in den mittel- und
osteuropäischen Staaten um 25, in den EU-Staaten um 1,5 Prozent.
Noch bessere Aussichten für die Visegrád-Staaten
und ähnliche Perspektiven für die EU der 15, die Ex-UdSSR und die der
EFTA angeschlossenen Staaten vermittelt das “less conservative
scenario”, das durch eine implementierte Reinvestition von Gewinnen,
stärkere Rückkopplungen, eine Risikoreduktion und die Reduktion der
Transaktionskosten um ein Zehntel gekennzeichnet ist. Hier übersteigen die
berechneten Gewinne der Visegrád-Staaten mit 30,1 Mrd. Euro sogar absolut
die im Vergleich dazu beinahe konstant gebliebenen Gewinne der derzeitigen
EU-Mitglieder.
Jedoch gibt die Studie keine Auskunft zur weiteren Entwicklung
in den verschiedenen Branchen, was ihren Optimismus vermutlich gedämpft
hätte. Genau so, wie Abschätzungen mit Hilfe von Gravitationsmodellen
generell vorsichtig zu interpretieren sind, ist es möglich, dass in einigen
Regionen doch branchenspezifische Verluste einer Osterweiterung entstehen
könnten, die von einem allgemeinen Aufschwung auf regionaler oder
nationaler Ebene begleitet werden.
Eine weitere Unwägbarkeit bildet der Fakt, dass
Ostmitteleuropa derzeit keinen in sich integrierten Raum darstellt. Vor allem
nach 1989 wirkten Tendenzen zur einzelstaatlichen Isolierung von ehemaligen
wirtschaftlichen Partnern und die Fixierung auf Westeuropa auch im
Außenhandel. Dies hat nicht nur hat negative Wirkung auf das Wachstum im
Prozess der Osterweiterung, sondern stellt auch in der erweiterten Union ein
Problem dar: Denn eine Integration ist nur sinnvoll bei “natürlichen
Handelspartnern”, da in diesem Fall handelsschaffende die
handelsablenkenden Effekte überkompensieren. Jedoch stellt sich nun die
Frage nach dem “natürlichen” Niveau des Außenhandels
benachbarter oder naher Staaten. Sicher scheint nach der Integrationstheorie
nur, dass Regionen beidseitig des derzeitigen EU-Randes von ihrer neuen Lage
profitieren werden.
Ebenso nur schwer abzuschätzen sind auch zukünftige,
möglicherweise einmal hohe Kosten hervorrufende Differenzierungstendenzen
in den Ländern Ost- und Mitteleuropas. Zusätzlich zur wirtschaftlichen
Umstrukturierung werden sich gesellschaftliche Differenzierungsprozesse
fortsetzen, bei denen eine sich vergrößernde Zahl von
Transferleistungsempfängern einer Schicht gegenübersteht, die ihr
Vermögen während der Privatisierung ehemaligen Volkseigentums erwarb.
Es ist vorstellbar, dass sich solche Entwicklungen über die
Kohäsionsfonds zu einem nicht zu vernachlässigenden Kostenfaktor bei
der EU-Osterweiterung auswachsen.
Wer soll die Kosten tragen?
Bei der Finanzierung des insgesamt wohlfahrtserhöhenden
Werkes der Osterweiterung eröffnet sich ein Paradoxon: Seine
Hauptnutznießer, die Beitrittsstaaten, sind nicht liquide. Dazu herrscht
in ihnen große politische Uneinigkeit über die genaue Ausprägung
einer europäischen Perspektive, obwohl der Willen zu einem beschleunigten
Beitritt an sich existiert und auch immer wieder zum Ausdruck gebracht wird. Als
Risikoträger und daher “Bremser” im Integrationsprozess
fungiert so die EU der fünfzehn.
Erfahrungen nach der Süderweiterung der EU ergaben eine
Veränderung der Stimmsituation in den EU-Gremien zugunsten der neu
hinzugekommenen Staaten, die sich in Änderungen bei den Vergabemitteln aus
Strukturfonds und Sozialfonds äußerten. Prinzipiell beschreibt dies
das Prinzip, dass Mitgliedsländer ihre Position in der politischen Union
nutzen, um ihre Einzahlungen in den EU-Haushalt und an sie gerichtete Transfers
zu kontrollieren. Auch mit der Osterweiterung wird ein derartiger qualitativer
Wechsel bei der Stimmverteilung in den EU-Entscheidungsinstitutionen
erwartet.
Die Studie von Baldwin et al. berücksichtigt deshalb
zukünftige Transfers, die mittels von Indikatoren auf Basis politischen
Machtgewichts berechnet wurden. Für eine Osterweiterung im Jahr 2002 werden
Transfers von 16,1 bzw. 24,4 Mrd Euro (unterschiedliche Indikatoren) in die
fünf Visegrád-Staaten erwartet. Ihr Beitrag, der auf der Basis eines
angenommenen jährlichen fünfprozentigen Wachstums ermittelt wurde,
beschränkt sich auf 6,7 Mrd. Euro, macht sie also in beiden Fällen zu
ausgeprägten Nettoempfängern.
Nach anderen Rechenmethoden werden bei einer Erweiterung um
die Visegrád-Staaten allein für den Europäischen Sozialfonds
12,8 Mrd Euro fällig. Bei der Ermittlung dieser Zahl wurde die bisherige,
auf die Bevölkerungszahl bezogene Förderungsdichte hochgerechnet.
Für Agrarsubventionen werden nach verschiedenen Quellen 9-37 Mrd. Euro an
Kosten erwartet - die Ungenauigkeiten dieser Zahlen resultieren aus der
weitgehenden Unkenntnis über die Struktur der Landwirtschaft in den
betreffenden Staaten.
Baldwins Studie geht von 10 Mrd. Euro für die
Agrarpolitik und 13 Mrd. Euro für Strukturförderung aus, wobei der
Beitritt vierer Visegrád-Staaten im Jahr 2000 als Basis gewählt
wurde. Werden die Einzahlungen der Beitrittsstaaten berücksichtigt, ergibt
sich eine Mehrbelastung des EU-Haushalts von 19 Prozent. Andere Schätzungen
geben für den Beitritt von Polen, Tschechien, Ungarn, Estland und Slowenien
eine nötige Aufstockung um ein Drittel an. Diese Kosten sollten über
die Einzahlungen der Mitgliedsländer aus dem laufenden EU-Haushalt
bestritten werden.
***
Auch in der Kostendiskussion treten bekannte
Unwägbarkeiten der EU-Osterweiterung zutage. Unklar ist die Höhe von
Direktinvestitionen in den Beitrittsländern und auch ihre Wirkung: Neben
einer positiven Bewertung wird ebenso argumentiert, dass sie - unter
Einbeziehung der Nachfrageseite - durchaus negative Wirkungen auf im Umbruch
befindliche Ökonomien hätten. Zahlungsbilanzverschlechterungen und
Aufwertungsbewegungen schränkten die Wettbewerbsfähigkeit und die
Absatzmöglichkeiten der betreffenden Ökonomien ein, während die
Konkurrenz sich vergrößere.
Auch die Integrationstheorie gibt Anlass zu Skepsis: Die
Visegrád-Staaten lägen einerseits am Rande der EU, andererseits oft
nicht weit von westlichen Agglomerationen entfernt, so dass sich ein
Strukturwandel und die Bildung neuer Zentren schwierig gestalten könnte.
Von Faktorpreisdifferenzen profitieren dagegen neu hinzukommende, nun zentrale
Regionen nahe am Rand zur EU der fünfzehn.
Eine Abschätzung der Folgen von Polarisierungstendenzen
fällt schwer. Dass es sie gibt, zeigte hingegen schon die
Süderweiterung der EU. Von ihnen und der regionalen Entwicklung ist der
Transferbedarf stark abhängig. Unwägbarkeiten dieser Art erschweren
eine Abschätzung der Kostenhöhe und auch Antworten auf die Frage, wer
denn nun den Hauptteil der mit der Osterweiterung verbundenen Lasten zu tragen
hat.
Bereits aus der Sicht entstehender Kosten und erwarteter
Gewinne ist die Osterweiterung der Europäischen Union eine risikoreiche
Herausforderung. Die vorwiegend politisch geführte Debatte um Vertiefung
und Erweiterung stellt dem kein konsolidiertes institutionelles Konzept
gegenüber, welches den Garanten für einen sowohl Wirtschaft als auch
Politik betreffenden Erfolg der Osterweiterung darstellen könnte. So wird
die politisch gewünschte Osterweiterung ein wirtschaftliches Abenteuer
werden, wenn auch dessen Risiko begrenzt ist. Die Kosten dafür - egal wie
hoch sie einmal wirklich ausfallen werden - werden hauptsächlich die
“alten” EU-Mitgliedsländer tragen müssen.