Humboldt-Universität zu Berlin | Seminar für Afrikawissenschaften |

TU: Wissenschaftliche Arbeiten im Fach der Afrikawissenschaften

Vincent Ovaert (vincent.ovaert@rz.hu-berlin.de)

 

Die wissenschaftliche Arbeit mit Quellen

Müller, Thomas Christian, Grundlagenpapier für das Geschichtsstudium, Historisches Seminar der Universität Zürich, 1998.

«Was wir heute über die Vergangenheit sagen, ist ja nicht eine Eins-zu-Eins ­Abbildung, sondern der Versuch, ein lückenhaftes Quellennetz zusammenzuflicken.»[1]

Das vorliegende Arbeitspapier stellt in groben Zügen die wichtigsten Aspekte zusammen, die der/die Historikerln beachten muss, wenn er/sie sich vergangenen Ereignissen wissenschaft­lich anzunähern und diese zu rekonstruieren, zu analysieren und zu werten versucht. In die­sen wenigen Zeilen und im Eingangszitat von Reinhart Koselleck klingen die grundlegenden Probleme an, mit denen geschichtswissenschaftliches Arbeiten sich dauernd konfrontiert sieht und auseinandersetzen muss. Die meisten dieser Hürden betreffen einerseits die Vor­aussetzungen geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis; d. h. es geht um die Bedingungen, Chancen und Grenzen des historischen Arbeitens. Andererseits hängen die Probleme direkt mit dem Material zusammen, das die HistorikerInnen für ihre Studien vergangener Ereig­nisse heranziehen - mit den Quellen.

Vergangene Ereignisse sind der Gegenwart allein in Nachrichten, Spuren und Überresten der Vergangenheit zugänglich. Historisches Arbeiten ist immer nur partielle Vergegenwärtigung vergangener Ereignisse, bleibt somit immer ein perspektivischer, unmittelbarer und lückenhafter Annäherungsversuch an vergangene Wirklichkeiten. Johann Gustav Droysen prägte in seiner «Historik» den Satz: «Der Ausgangspunkt des Forschens ist die historische Frage.»[2]- Droysen hält in seinem Kanon der historiografischen Forschungsregeln fest, dass weder das Vorhandensein noch das Auffinden historischer Quellen oder das Fehlen von Quellen - letzteres erwähnt er allerdings nicht - allein für historische Studien und Erkenntnisse maßgeblich seien, sondern die entsprechenden Fragestellungen.

 

Das vorliegende Papier behandelt folgende Aspekte:

1. Zur Erkenntnistheorie in der Geschichtswissenschaft

2. Die wissenschaftliche Arbeit mit historischen Quellen

3. Zur Definition des Begriffs «Quelle»

4. Quellenkunde: die strittige Frage der Unterscheidung verschiedener Quellengruppen

5. Die Historisch-kritische Methode: Quellenkritik und Quelleninterpretation

 

 

1.      Zur Erkenntnistheorie in der Geschichtswissenschaft [3]

Bei den folgenden Abschnitten handelt es sich bloß um einige Hinweise zu zentralen erkenntnistheoretischen Problemen in der Geschichtswissenschaft. Wer sich eingehender damit befassen möchte - und eigentlich müsste sich jeden GeschichtsstudentIn schon möglichst früh darüber Gedanken machen -, gelangt mehr oder weniger direkt zu den Anfängen der modernen Historiografie und zu den erkenntnistheoretischen Auseinandersetzungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Außerdem wird jemand, der sich auf die Suche nach der Geschichte der modernen Geschichtswissenschaft und den sie begleitenden methodischen und erkenntnistheoretischen Debatten begibt, nicht nur an deren Wurzeln gelangen, sondern rasch auch auf die aktuellen Auseinandersetzungen zu Fragen der Methode und Theorie stoßen. Debatten über «Theoriebedürftigkeit» (Koselleck) und «Theoriefähigkeit» (Jäger) begleiten die moderne Geschichtswissenschaft schon seit je her und zeugen nachgerade vom Ringen um und Suchen nach den Grundlagen wissenschaftlich-historischer Erkenntnis. In den vergangenen dreißig Jahren erreichten sie angesichts neuer methodischer Ansätze und theoretischer Impulse aus andern Wissenschaften eine neue Heftigkeit. So brachten seit den 1960er Jahren hauptsächlich die aufkommenden systematischen sozialwissenschaftlichen Ansätze eine Neuausrichtung der erkenntnistheoretischen Grundannahmen der Geschichts­wissenschaft mit sich. In dieser Zeitspanne begann sich die Überzeugung durchzusetzen, historisches Arbeiten müsse theoriegeleitet geschehen. Geschichte verstand sich immer mehr als moderne Sozial- und Gesellschaftsgeschichte, in der sich eine «zunehmend selbst­verständliche Erkenntnis- und Reflexionspraxis» der HistorikerInnen durchzusetzen schien. Es war denn auch nur eine Frage der Zeit, bis auch das theoretische Fundament der Sozial­geschichte erneut in Frage gestellt wurde. Die Folge waren und sind neue erkenntnistheore­tische Debatten in der Geschichtswissenschaft und unter Beteiligung anderer Disziplinen. Die verschiedenen Auseinandersetzungen weisen einen gemeinsamen Nenner auf: Alle drehen sich letztlich um die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten historischer Erkenntnis und methodisch-theoretischer Ansätze.

 

 

2.      Die wissenschaftliche Arbeit mit historischen Quellen

Am Anfang jeder historischen Forschung steht die Formulierung einer relevanten Frage an ein vergangenes Geschehen. Wissenschaftlich relevant ist eine Fragestellung, wenn sie in Bezug auf den Forschungsstand einen Erkenntniszugewinn verspricht. Die Fragestellung muss sich somit einerseits am «historischen Orientierungsbedürfnis der Gegenwart», andererseits an den bereits vorhandenen Forschungsergebnissen überprüfen lassen.

Quellen gestatten dem/der Historikerin keinen unmittelbaren Einblick in die Vergangenheit, «denn sie sind als Manifestationen vergangenen Geschehens nicht dieses Geschehen selbst, sondern lediglich dessen materielle Repräsentation».[4] Demgemäss kann und wird das Ziel historischen Forschung niemals die definitive Rekonstruktion der vergangenen Geschehnisse sein. Vielmehr wird der/die Forschende immer nur eine begrenzte Annäherung an historische Wirklichkeiten erreichen. Diese Begrenztheit historischer Erkenntnisse hat verschiedene Ursachen:

Einem/einer Historikerln steht immer nur eine limitierte Auswahl an Quellen zur Ver­fügung - sei es im einen Fall weil «die Materialbasis umso schmaler und lückenhafter wird, je weiter zurück die zu erforschende Vergangenheit liegt»[5], sei es im andern Fall weil er/sie gar nicht in der Lage ist, die riesige Quellenfülle zu bewältigen (z. B. zu einem Thema der neueren Geschichte).

Es gibt unzählige vergangene Ereignisse, zu denen die Quellen gänzlich fehlen oder die vermeintlich keine Spuren hinterlassen haben, obgleich der/die Forscherin eindeutige Hinweise auf die betreffenden historischen Vorgänge hat.[6]

Eine weitere Einschränkung betrifft die Art und die materiale Beschaffenheit der Quellen. In vielen Fällen handelt es sich um ein Medium aus einem bestimmten Material: Papier, Stein, Metall, Holz, Film, Textilien, Kunststoff, Tonband, Vynil usw., Bei der Bearbei­tung dieser Materialien, muss der Aspekt der Vergänglichkeit berücksichtigt werden.

In den Quellen treten nie die vergangenen Ereignisse direkt auf. Die Quellen sind Medien, die in vielen Fällen eher zufällige Spuren darstellen, manchmal jedoch von Menschen absichtlich hergestellt wurden, um Informationen zu überliefern.[7] Somit "transportieren" und tradieren Medien bereits ihrerseits Darstellungen, Wertungen und Interpretationen vergangener Ereignisse.

Berücksichtigt man diese verschiedenen Beschränkungen, wird deutlich, dass der Blick auf vergangenes Geschehen nie unverstellt und unmittelbar ist. Quellen sind in verschiedener Hinsicht «gebrochene Zeugnisse» (Saal/Nünning) des Geschehens, folgerichtig ist auch die Rekonstruktion vergangener Geschehnisse gebrochen und verzerrt. Die Lücken, Beschränkungen und Verzerrungen historischer Erkenntnis, die in der objektiven Materialbasis wur­zeln, treffen auf der Gegenwartsebene mit den subjektiven Bedingungen historischen For­schens (Erkenntnisinteresse, Perspektivität und Standortgebundenheit) zusammen, unter denen der Historiker oder die Historikerin Forschende seine/ihre Fragen an die Geschichte stellt. Koselleck beschreibt dieses erkenntnistheoretische Dilemma als «produktive Span­nung», der sich ein Historiker und eine Historikerin ausgesetzt sehen sollte.[8] Er fährt fort:

«Es geht in der geschichtlichen Erkenntnis immer um mehr als um das, was in den Quellen steht. Eine Quelle kann vorliegen oder gefunden werden, aber sie kann auch fehlen. Und doch bin ich genötigt, Aussagen zu riskieren. Aber es ist nicht nur die Lückenhaftigkeit aller Quellen - oder deren Übermaß, wie in der neueren Geschichte-, die den Historiker hindern, durch Quelleninterpretation allein sich der vergangenen oder gegenwärtiger Geschichte zu vergewissern. Jede Quelle, genauer jeder Überrest, den wir erst durch unsere Fragen in eine Quelle verwandeln, verweist uns auf eine Geschichte, die mehr ist oder weniger, jedenfalls etwas anderes als der Überrest selber. Eine Geschichte ist nie identisch mit der Quelle, die von dieser Geschichte zeugt. Sonst wäre jede klar fließende Quelle selber schon die Geschichte, um deren Erkenntnis es uns geht.»

Koselleck spricht von der «Nötigung» der Historikerinnen, die - vor allem wenn sie historische Zusammenhänge, Strukturen, Abläufe oder Prozesse analysieren wollen, die «jenseits der Quellen liegen» - eben diese Quellen befragen müssen. Diese notwendige «Quellenexegese» verlange eine «Theorie möglicher Geschichte», die die Historikerinnen für jede historische Rekonstruktion historischer Ereignisse offen darlegen und zur Diskussion stellen müssen.[9] Ein historisches Ereignis kann - so Koselleck - unter verschiedensten Gesichtspunkten gedeutet werden - theologisch, wirtschaftlich, politisch, psychologisch, kulturell, gesellschaftlich usw. Diese Deutung ist «zunächst keine Frage des Quellenbestandes» und ist auch nicht direkt in der Quelle enthalten, sondern entspringt der «theoretischen Vorentscheidung» der an der Geschichte interessierten Personen. Das bedeutet nun aber keineswegs, historische Forschung lasse sich letztlich auf rein spekulative Erklärungen und Deutungen reduzieren. Jede Aussage über vergangene Ereignisse muss überprüfbar sein. Nochmals Koselleck:[10]

«Strenggenommen kann uns eine Quelle nie sagen, was wir sagen sollen. Wohl aber hindert sie uns, Aussagen zu machen, die wir nicht machen dürfen. Die Quellen haben ein Vetorecht. Sie verbieten uns, Deutungen zu wagen, die aufgrund des Quellenbefundes schlichtweg als falsch oder als nicht zulässig durchschaut werden können. Falsche Daten, falsche Zahlenreihen, falsche Motiverklärungen, falsche Bewusstseinsanalysen: all das und vieles mehr lässt sieh durch Quellenkritik aufdecken. Quel­len schützen uns vor Irrtümern, nicht aber sagen sie uns, was wir sagen sollen.»

Mit andern Worten: Quellen sprechen nie für sich selbst. Die Resultate, die man aus einer auf diese Weise angelegten historischen Quellenarbeit erhält, sind «ein Produkt der aktiven Erkenntnistätigkeit_ des Historikers; nicht ein passives Entnehmen von Informationen»[11] Indem sich Historikerinnen fragend-forschend mit den Spuren der Vergangenheit beschäf­tigen, bringen sie ihre Gegenwart und ihren Standort in die Rekonstruktion vergangener Ereignisse ein. Damit verschafft sich eine spezifische Gegenwart ihren spezifischen und gegenwartsbezogenen Blick auf die Vergangenheit. Historikerinnen vergegenwärtigen Teile vergangener Gegenwarten oder tragen - mit Reinhart Koselleck - zur Erforschung vergangener Zukunft bei.

Zusammenfassend kann man zur Wissenschaftlichkeit von Geschichte im Allgemeinen und zur Verbindung zwischen Quellenarbeit und historisch-wissenschaftlicher Erkenntnis im Besonderen festhalten:

1.    Die Quellen sind zugleich Materialbasis und "Kontrollinstanz" für die Rekonstruktion historischen Geschehens.

2.    Die Quellenarbeit setzt eine Reflexion über theoretische Aspekte einer historischen Fragestellung voraus.

3.    Der/die Forscherln muss sein/Ihr Erkenntnisinteresse offen legen. Dazu gehören auch Hinweise  zur Standortgebundenheit und zur Perspektive der gewählten Fragestellung

4.    Quellenarbeit und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bedingen eine Reflexion und Offenlegung der Methoden, mit welchen man an das Quellenmaterial herangeht. Dadurch werden die Aussagen zuverlässiger und die intersubjektive Über­prüfbarkeit ermöglicht.

5.    Geschichtswissenschaftliche Aussagen sind immer vorläufig, nie vollständig und damit jederzeit revidierbar. Es sind «Urteile im Konjunktiv, auch wenn sie gewöhnlich in affirmativen Sätzen formuliert werden».[12]

6.    Historikerinnen sollten als kritische Instanz auftreten und darüber wachen, wie historische Argumente in andern lebensweltlichen Umgebungen verwendet und leider allzu oft missbraucht werden. Es geht nicht nur um den kritischen Umgang mit der Geschichte, sondern auch um den kritisch-wissenschaftlichen Umgang mit den Interpretationen der Geschichte.

 

 

3.      Zur Definition des Begriffs Quelle­

Eine methodisch-theoretische Reflexion über geschichtswissenschaftliches Arbeiten setzt eine Definition dessen voraus, was «Quellen» sind:

«Als Quellen werden alle Objektivationen, d. h. Vergegenständlichungen, von vergangenem menschli­chen Handeln oder Leiden bezeichnet, aus denen Historiker Kenntnis über die Vergangenheit gewinnen können, gleichgültig, ob es sich um Bauwerke, Monumente, Schriftstücke, Bilder, Film- oder Ton­dokumente und dergleichen handelt.»[13]

Diese Umschreibung Vera Nünnings und Ralf Saals, die sich stark an früheren Gelehrten (Droysen, Kirn) orientiert, muss noch um einige wichtige Aspekte ergänzt werden. Erkenntnisse über die Vergangenheit lassen sich nicht nur aus Objektivationen gewinnen, die auf menschliches Handeln zurückgehen. Auch Umwelt, Klima und Natur beeinflussen menschliches Schaffen und Leiden und hinterlassen Spuren, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart reichen und von HistorikerInnen untersucht werden (können).

Quellen sind also Medien, die historische Erkenntnisprozesse ermöglichen; sie sind das Rohmaterial für historiografisches Arbeiten, d. h. für die Rekonstruktion von Vergangen­heit. Damit ist auch klar, dass «Quelle» zugleich der Gegenbegriff zu «Fachliteratur» bzw. «Darstellungen» ist, die ihrerseits Produkte wissenschaftlichen Arbeitens - also des Erkenntnisprozesses - sind. Schwieriger wird die Unterscheidung  "Quelle" und Darstellung, wenn es sich bei der «Darstellung» um ein älteres historisches Werk handelt, das je nach Fragestellung zur «Quelle» wird.

Historisches Forschen lässt sich als dauernder interaktiver und reflexiver Prozess umschreiben und vollzieht sich in der Auseinandersetzung mit den Quellen, unter Berücksichtigung der bereits bestehenden Fachliteratur und der dauernden Reflexion über das Erkenntnis- Interesse, die Standortgebundenheit und die Perspektive des/der Forschenden.

 

 

4.      Quellenkunde: die strittige Frage der Unterscheidung verschiedener Quellengruppen

Bis heute weisen die meisten geschichtswissenschaftlichen Einführungen auf denselben traditionellen Ansatz in der Quellenkunde hin. Gemeint ist die Unterscheidung historischer Quellen in «Tradition» und «Überrest». Diese Unterscheidung hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, als sich die Historiografie zu einer modernen Wissenschaft entwickelte. Leopold von Ranke und Johann Gustav Droysen deuteten in ihren Schriften eine solche Unterscheidung bereits an, Ernst Bernheim nahm sie um die Jahrhundertwende auf und führte die beiden Begriffe ein.[14] Seither hat sich dieses quellenkundliche Raster kaum mehr verändert. Zwar bemängelten Forscherinnen und Forscher immer wieder Unklarheiten, andere brachten Ergänzungen an, letztlich blieb die Unterteilung jedoch erhalten. Sie wird nach wie vor in der historischen Fachliteratur vorgestellt und von vielen Universitäten an die Studierenden weitergegeben.[15]

Da diese Einteilung noch immer vielerorts angewandt wird, soll sie hier kurz vorgestellt werden. Danach folgen die Abschnitte zu den wichtigsten Quellengruppen und zur praktischen Quellenarbeit (Quellenkritik, Quelleninterpretation), die wichtige Hinweise und Ansätze für den wissenschaftlichen Umgang mit historischen Materialien enthalten.

a) Tradition

Unter dem Begriff «Tradition» versteht man Quellenmaterial, das Menschen eigens und in der Absicht geschaffen haben, um ihre Zeitgenossen oder die Nachwelt darüber zu unterrichten und Informationen für die Überlieferung festzuhalten. Anders ausgedrückt: Diese Quellen wurden bewusst für die Nachwelt geschaffen. Die Quellensorte «Tradition» wird weiter unterteilt in:

Schriftliche Traditionen

Mündl. Traditionen

Bildliche Traditionen

  • Annalen
  • Chroniken
  • Biografien (Viten, Legenden, Autobiografien, Memoiren, Tagebücher)
  • zeitgenössische Geschichts­erzählungen aller Art
  • Reisebeschreibungen
  • Festschriften
  • Jahresberichte
  • Sagen
  • Anekdoten
  • Lieder
  • Erzählungen
  • Epos
  • Dokumentarfilme
  • Diapositive
  • Fotos
  • Bildnerische Darstellungen
  • Videos
  • Sachliche Traditionen:
  • Monumente
  • Denkmäler

Diese Quellen geben, wie es im «Wörterbuch zur Geschichte» (2. Auflage 196) heißt, «meist ein zusammenhängendes, aber ein durch die Subjektivität des Erzählers (Berichterstatters) bedingtes einseitiges Bild».

b) Überrest

Unter diesem Begriff laufen Quellenmaterialien, die von vergangenen Ereignissen unabsicht­lich und unwillkürlich übriggeblieben sind. Die Produktion dieser Quellen geschah bzw. geschieht ohne eine Absicht der Überlieferung und war bzw. ist somit stark auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zeit, auf die jeweiligen Zeitgenossinnen und die Mitwelt bezogen. Die Quellensorte «Überrest» wird weiter unterteilt in:

Schriftliche Überreste

Sachüberreste

Abstrakte Überreste

  • Urkunden

Privilegien, Schenkungen, Verträge

  • Akten

Gerichtsprotokolle, Reichstagsakten, Regierungserklärungen, Verwaltungsbestände, Rechtsvorgänge

  • Gesetze

Verfassungen, Rechte, Ordnungen, Offnungen

  • Personenverzeichnisse

Anniversarien, Pfarr- und Familienbücher, Genealogien, Testamente, Lehenverzeichnisse, Inventare, Preis- und Lohnlisten, Wirtschaftsbücher, Statistiken, Pläne, Karten

  • Privates Schriftgut

Korrespondenz, Briefe

  • Literatur, Dichtung

Poesie, Kunst- und Trivial­literatur (Prosa, Theater­stücke, Poesie, Märchen)

  • Körperliche Überreste (Skelette, Präparate usw.)
  • Gebäude, Bauwerke
  • Geräte, Maschinen
  • Alltags-gegenstände
  • Waffen
  • Kleidung, Textilien
  • Kunstgewerbliche, handwerk­liche und industrielle Produkte
  • Tondokumente
  • Film- und Bildquellen
  • Siegel, Wappen, Fahnen
  • Münzen
  • Fortlebende oder überlieferte Institutionen, die menschliches Zusammen-leben recht­lich, religiös, wirtschaftlich oder gesellschaftlich bestim­men.
  • Sprache
  • Brauchtum
  • Rechts- und Verfassungs­zustände
  • Personen-, Orts- und Flur­- Namen
  • Landschafts- und Siedlungs­formen

 

c)      Zur Unschärfe von «Tradition» und «Überrest»

Nun wäre es sicherlich falsch zu behaupten, diese quellenkundliche Unterscheidung wäre völlig überholt. Aber gerade die neueren Ansätze in der Geschichtswissenschaft, das Nach­denken über das Sammeln, Aufbewahren und Vermitteln von Informationen, die Reflexio­nen über Semantik, Semiotik, Sehörtlichkeit und Symbolik, die methodischen Fortschritte und die Zunahme interdisziplinärer Kooperation zeigen immer wieder die Grenzen der tradi­tionellen Unterscheidungskriterien «Tradition» und «Überrest» auf. Mit ihnen verhält es sich wie so oft bei Differenzierungsversuchen, die als Orientierungshilfen gedacht sind: eine scharfe Trennung in «Tradition» oder «Überrest» ist bei sehr vielen Quellen gar nicht möglich, was vor allem angehende HistorikerInnen häufig verunsichert. Setzt man sich mit diesen Unschärfen auseinander, erkennt man sehr oft nicht nur die Grenzen der «Tradition»­«Überrest»-Einteilung, sondern gelangt u. Ü. zu wichtigen quellenkundlichen Erkennt­nissen. Somit läge in der erkannten Schwäche des traditionellen Modells zugleich eine mög­liche Stärke.

Die Unschärfe der Unterscheidung «Tradition» / «Überrest» dreht sich letztlich immer um die Frage, von welchem Zeitpunkt an man von willkürlichem bzw. unwillkürlichem Fest­halten und Überliefern historischer Geschehnisse sprechen soll. Auf diese komplizierten, für Studienanfängerinnen erfahrungsgemäss nur verwirrenden Gedankengänge und Herleitun­gen wird hier nicht weiter eingegangen. Ein aktuelles Beispiele muss genügen, um die Unschärfe der Kriterien «Tradition» und «Überrest» kurz zu illustrieren:

Zeitungen, Zeitschriften und Flugschriften - diese Quellen wird man in den obenstehenden Tabellen denn auch vergeblich gesucht haben - kann man sowohl in der einen oder anderen "Schublade" ablegen. Einerseits werden Zeitungen produziert, um die Nachfrage nach aktu­eller, gegenwartsbezogener Information zu sättigen, wären somit also «Überrest». Berück­sichtigt man andererseits die politische Linie einer Zeitung, wie sie regelmäßig in Leitarti­keln zu bestimmten Ereignissen zum Ausdruck kommt, so können Zeitungen auch als «Tradition» gesehen werden. Die Sprache, das verwendete Papier und die Auflagenzahl der­selben Zeitung sprechen wiederum dafür, diese Quelle zu den «Überresten» zu zählen.

Das historische Quellenmaterial, das zur Rekonstruktion vergangener Ereignisse heran­gezogen wird, lässt sich mit Hilfe einer weiteren wichtigen Unterscheidung nach «schriftlichen Quellen» bzw. «nichtschriftlichen Quellen» oder «Sachquellen» gruppieren. Borowsky/Vogel/Wunder[16]  erläutern diese Einteilung und verweisen dabei auch auf wich­tige hilfswissenschaftliche Spezialdisziplinen (Numismatik. Heraldik, Ikonografie, Sphra­gistik, Paläografie, Genealogie, Archäologie), die die Historikerinnen bei der Beschäftigung mit Sachquellen unterstützen. Neuere Forschungsarbeiten greifen vermehrt auch auf Instru­mente aus der Begriffs- und Sprachgeschichte, Linguistik, Diskurstheorie und Semiotik zurück, während Forscherinnen, die mit sozialgeschichtlichen Fragestellungen an schrift­liche oder nichtschriftliche Quellen herangehen, häufig Methoden und Erkenntnisse aus der Ethnologie, Volkskunde, Soziologie, Sozialpsychologie, Politologie u.a. integrieren.[17] Auch wirtschafts-, rechts-, religions- und kulturwissenschaftliche Ansätze sind je nach Problem- und Quellenlage in die Analyse mit einzubeziehen; sie eröffnen ebenfalls neue Per­spektiven für die Rekonstruktion vergangener Ereignisse.

Neue Möglichkeiten für historisches Forschen, aber auch neue Herausforderungen für die historische Praxis ergeben sich auch aus den neuen Medien und Kommunikationstechno­logien (Fernsehen, Rundfunk, Film- und Tonaufnahmen, elektronische Datenspeicherung und Datenaufbereitung, Internet usw.). Nicht zuletzt die neuen elektronischen Formen der Datenaufbewahrung und -sicherung - d. h. die Reduktion jedwelcher Information auf den in der Elektronik verwendeten Binärcode - wirkt sich auch auf die historischen Quellen aus und machen im zunehmenden Masse eine Neuumschreibung des Begriffs «Quelle» erforderlich. Immer öfter greift man deshalb auf den von den empirischen Sozialwissenschaften geprägten «Daten»-Begriff zurück, der numerisch gefasste Informationen abdeckt.[18]

Schließlich seien noch Bildquellen erwähnt, für deren historische Analyse verschiedene Interpretationsmethoden angewandt werden können. Auch bei der Bildanalyse sind die For­scherinnen auf methodische Angebote aus andern Disziplinen angewiesen (z. B. Ikonogra­fie, Rezeptionsforschung, Semiotik).[19]

So unterschiedlich diese neuen Quellenformen im Vergleich mit den traditionellen Schrift­- und Sachquellen sind, für die praktische historische Auswertungsarbeit ergeben sich daraus keine besonderen Vorgaben - sieht man einmal vom zusätzlichen Know-How und den tech­nischen Voraussetzungen ab, die für die Quellenbearbeitung notwendig sind.

 

 

5.      Die historisch-kritische Methode: Quellenkritik und Quelleninterpretation

Für die Erschließung und Auswertung von historischen Quellen verwendet man in der Geschichtswissenschaft die historisch-kritische Methode.[20] Dieses systematische Vorgehen wird hier ausführlicher dargestellt. Wichtig und nützlich zugleich ist die folgende Fest­stellung: Dieses Verfahren lässt sich sowohl für alle Zeitepochen und Quellensorten als auch für die unterschiedlichen Teilbereiche innerhalb der Geschichtswissenschaften anwenden. Hinter dem Terminus «Historisch-kritische Methode» verbergen sich Vorgaben für das arbeitstechnische Vorgehen, für die inhaltliche und sprachliche Erschließung und das Ver­ständnis, für die Bestimmung des Aussagegehaltes sowie die historische Kontextualisierung einer Quelle. Kritisch heißt die Methode, weil sie sich dem Quellenmaterial von drei Seiten kritisch nähert:

Erstens als philologische Textkritik (Sprachgeschichte, Wortgeschichte, Stilanalyse) und hermeneutische Textkritik (Textauslegung). Der/die aufmerksame Leserin wird sogleich und berechtigterweise einwenden, dass hier nur von schriftlichen Quellen die Rede ist, und fragen, wie die Sache bei nichtschriftlichen Quellen aussehe. Die Beschränkung auf schriftliche Quellen hängt mit der Geschichte der historisch-kritischen Methode zusammen.[21]

Zweitens geht es um die historische Kritik, d. h. es wird versucht, die Beziehung zwischen der Quelle und ihrer zeitgenössischen "Realität" zu rekonstruieren und damit Hinweise auf die Perspektive zu erhalten, «unter welcher diese Realität betrachtet worden ist».[22] Es wird also geprüft, ob die in der Quelle genannten "Fakten" zutreffen.

Die dritte Ebene - die Ideologiekritik. Hier wird einmal nach dem politischen oder weltanschaulichen Standpunkt des Verfassers oder der Verfasserin der Quelle gefragt. Zum andern geht es aber auch um die Bestimmung und Offenlegung des Standorts und des Erkenntnisinteresses, mit welchem der/die Historikerin das Thema untersucht, die Quelle auswählt und sich mit ihr beschäftigt (vgl. oben).

Bevor das praxisorientierte Schema für Quellenkritik und Quelleninterpretation vorgestellt wird, folgen einige allgemeine Denkanstösse zum kritischen Umgang mit Quellenmaterial: Jede Beschäftigung mit Quellen beruht letztlich auf einer bewussten oder unbewussten Auswahl, die entweder der/die Historikerin selbst trifft oder die sich aufgrund des Themas, der Fragestellung, der Materialfülle oder der dazu bereits vorhandenen Fachliteratur aufdrängt. Mit dieser Auswahl geschieht in der Regel auch bereits eine erste Deutung. Borowsky schreibt dazu:[23]

«Besonders bei der Erarbeitung eines neuen Gebietes wird diese Deutung oft als reine Information missverstanden. Erst der Vergleich mit anderen Werken der Fachliteratur und dem Quellenstück selbst legt den Interpretationscharakter dieser „Information" offen.»

Unvoreingenommenheit gibt es nicht. Diese Tatsache muss man sich bewusst machen; sie ist ein in wichtiger erster Schritt innerhalb einer kritischen Bearbeitung von Fachliteratur und Quellen. Wenn man sich diese Überlegungen und die bereits weiter oben gemachten Bemerkungen zum «lückenhaften Quellennetz» und zur «Gebrochenheit historischer Quellen» immer wieder vor Augen führt, wird man die sog. «Objektivitätsfalle» erkennen und dadurch auch kaum Gefahr laufen, Quellen für sich sprechen zu lassen.

Das folgende Schema zur Quellenkritik und Quelleninterpretation lässt sich auf alle Quellen­sorten anwenden - schriftliche Quellen, Sachquellen, abstrakte Quellen, Film-, Bild- und Tondokumente. Je nach Quelle muss der eine oder andere quellenkritische Aspekt etwas anders gewichtet werden. In der Bearbeitung historischer Quellen lässt sich die scharfe Trennung nach Kritik und/oder Interpretation keineswegs immer aufrechterhalten - dies wird man in der praktischen Anwendung immer wieder feststellen; zwischen Analyse und Deutung findet ein wechselseitiger Prozess statt. Das soll aber nicht heißen, die Trennung sei unnütz - im Gegenteil. Systematische Abläufe erleichtern wissenschaftliches Arbeiten, machen es nachvollziehbar und bieten dem/der Forscherin wichtige Orientierungshilfen.

I        Quellenkritik (Analyseebene)

Innerhalb dieses Arbeitsganges geht es darum, die Herkunft, die Authentizität und die «Echtheit» der Quelle zu bestimmen. Auf dieser Ebene stehen die Basisinformationen im Vordergrund, die man in den meisten Fällen mit den sogenannten W-Fragen gewinnen kann (Wer? Wann? Wo? Was? Warum? Wie? usw.).

A Quellenbeschreibung

• Bestimmung der Quellengruppe und -art (z. B. Chronik, Urkunde, Akten, Bilder, Filmsequenz, Tonband, CD-ROM usw.)

• Wie wurde die Quelle überliefert? => Fund- und Aufbewahrungsort der Quelle (Archiv, Bibliothek, Privatbesitz, Edition etc.)

• Handelt es sich um das Original, ein Regest, einen Auszug, eine Kopie, einen Druck?

• In welchem Zustand befindet sich die Quelle? => Bruchstücke, Vollständigkeit; Materialbeschaffenheit; Lesbarkeit, Schrift- und Druckqualität.

• bei handschriftlichen Quellen ist zudem nach dem Erhaltungszustand und nach tech­nischen Merkmalen zu fragen.

B Textsicherung

Dieser Teil der Quellenbearbeitung dreht sich 1. um formale Aspekte («äußere Kri­tik») und 2. um inhaltliche Kriterien («innere Kritik»). Die beiden Abschnitte zielen darauf ab die Authentizität und die Echtheit der Quelle abzuklären und zu sichern

1. «äußere Kritik» (formale Aspekte)

• Wann ist die Quelle entstanden?

• Wo ist die Quelle entstanden?

• Wer ist der Verfasser oder die Produzentin der Quelle?

• Wer ist der Adressat der Quelle (Privatperson, Öffentlichkeit, Behörde, Nachwelt, Institution)?

• Was lässt sich zur Überlieferungsgeschichte der Quelle herausfinden.

• Stammt das Material der Quelle aus der Zeit, aus dem Ort und aus den historischen Verhältnissen, auf die die Quelle Bezug nimmt?

2. «innere Kritik» (inhaltliche Aspekte)

Die nachfolgend aufgeführten Punkte beziehen sich auf schriftliche Quellen, sie kön­nen aber auch auf Sachquellen angewandt und entsprechend umgewandelt werden. Geht es bei schriftlichen Quellen um Sprache, Sprachstil, Wortwahl und rhetorische Figuren, stehen z. B. bei Bildquellen die Komposition, die Farbe, das Objekt und die Bildsymbolik im Zentrum der inneren Quellenkritik. Ähnlich sieht die Sache bei Sach­quellen aus.

Im Bereich des Mittelalters und des Altertums beeinhaltet die Textsicherung auch das «Lesenkönnen einer Quelle» und «die Bereinigung des Textes von möglichen fremden Einschüben».[24] Diese Analysen verlangen häufig vertiefte philologische und paläo­grafische Untersuchungsmethoden. Entscheidend sind oft auch Quellen und Textvergleiche, die die Rekonstruktion des sog. «Archetypus» und des «Stammbaums» einer schriftlichen Oberlieferung ermöglichen. Auf diese Weise kommt man eventuell auch (Quellen-) Fälschungen oder sog. «Verunechtungen» (Texterweiterungen, Interpola­tionen, Korruptelen, Weglassungen) auf die Spur.

a) Sprachliche bzw. stilistische Aufschlüsselung

• In welcher Sprache ist die Quelle abgefasst?

• Was lässt sich zur Wortwahl feststellen?

• Werden gewisse Begriffe regelmäßig verwendet? Bedeuten diese Begriffe heute

etwas anderes als zur Zeit der Niederschrift der Quelle?

• Was kann man zum Sprachstil, zum Textaufbau, zu den Figuren oder zur Rhetorik sagen? Sind sie zeitgemäß? => Stilvergleich

• Die sprachlich-stilistische Analyse liefert außerdem wichtige Hinweise zum Bildungsstand, zur politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Stellung und zum Beziehungsnetz des/der Autorin.

b) Sachliche Aufschlüsselung­

• Worauf spielt die Quelle an? Welche unbekannten Sachverhalte, Personen, Struk­turen, Entscheidungsabläufe, Prozesse oder Ereignisse werden angedeutet?

• Werden in der Quelle zentrale Fragen der sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen oder politischen Organisation erwähnt, aber nicht ausgeführt? Stellt der/die Historikerin fest, dass hier ein Dreh- und Angelpunkt für das Verständnis der gesamten Quelle liegt, so muss er/sie Informationen darüber zusammentrafen.

II Quelleninterpretation (Deutungs- und Auswertungsebene)

Eine Quelleninterpretation lässt sich in drei Schritte einteilen: Inhaltsangabe, Eingrenzung des Aussagebereiches und Bestimmung des Erkenntniswertes einer Quelle.

A Inhaltsangabe

Die in der inneren Quellenkritik vorgenommene sprachliche und sachliche Aufschlüsselung ist die Voraussetzung, um die Quelle und ihren Inhalt exakt zusammenfassen zu können.

1. Zum Vorgehen

• Zunächst versucht man die einzelnen Abschnitte oder Teile der Quelle nach Sinnein­heiten und/oder Stichworten zu gliedern.

• Dadurch sollten die Struktur (Argumentationslinien, Textaufbau) und die Reihen­folge, in der unterschiedliche Sachverhalte erwähnt werden, leichter erkennbar werden - z. B. der Verlauf eines Gesprächs oder einer Debatte.

• Die Schwerpunkte des Quelleninhaltes und damit auch die Kerngedanken werden leichter erkennbar.

• Das Ziel der inhaltlichen Zusammenfassung: Sie soll zeigen, dass die dargestellten Sachzusammenhänge klar geworden sind.

• Es kann aber auch vorkommen, dass bei der genauen Lektüre bzw. Auseinander­setzung mit dem Quelleninhalt plötzlich im einen oder andern Punkt neue Fragen auf­tauchen. Auch diese neuen Fragen muss man festhalten und eventuell zu einem spä­teren Zeitpunkt noch klären.

Handelt es sich bei der Quelle um eine Urkunde oder ein Schriftstück mit Urkunden­charakter, nennt sich die Inhaltsangabe Regest.

2. Was gehört zu einer Inhaltsangabe?

Wie für die Bearbeitung und das Lesen von Fachliteratur - Texterschließung, Exzerpt, empfiehlt sich auch für die Quellenarbeit der Aufbau einer gut strukturierten und lau­fend erweiterbaren Datei. An dieser Stelle sei auf die Möglichkeiten von Datenbank­programmen hingewiesen.

Wichtig: In der Inhaltsangabe geht es "nur" um das textimmanente Zusammentragen des Inhalts, d. h. um eine Zusammenfassung derjenigen Aussagen, die im Text selbst stehen. Hintergrundinformationen, die nicht direkt der Quelle entnommen werden, dürfen hier nicht einfließen.

Weiter enthält die Zusammenfassung oder das Regest sämtliche Informationen zum Text (Archivname, Quellenbestand, Faszikelnummer, Seitenzahl, Blattnummer) und soll grafisch übersichtlich gestaltet werden. Ziel einer Inhaltsangabe ist es, das We­sentliche des gelesenen Textes festzuhalten. Dabei sollten die Notizen auch für eine Person verständlich sein, die den Text nicht gelesen hat. Wie für Exzerpte von Fach­literatur lassen sich auch bei der inhaltlichen Erarbeitung von Quellen dieselben Tech­niken anwenden:[25]

a) Wörtliches Zitieren der Kernthesen, von zentralen und/oder problematischen Aussa­gen. Wichtig: Die Zitate müssen mit «...» und mit der genauen Orts- oder Seitenangabe (event. Absatz- oder Zeilennummer) gekennzeichnet werden.

b) (Stichwortartiges) Referieren von wenigen wichtigen Passagen in eigenen Worten.

c) Paraphrasieren: längerer Quellenabschnitte, d. h. die Zusammenfassung wird in eigenen Worten formuliert.

d) Schlüsselbegriffe  aus der Quelle übernehmen, in «,..» setzen und mit der genauen Seitenzahl versehen.

e) WICHTIG: Mit genauen Angaben zur Herkunft einer zusammengefassten Quellen­aussage erspart man sich viel Ärger und vermeidet unter Umständen gar den Vorwurf der wissenschaftlichen Unredlichkeit.

f) Eigene Fragen, Bemerkungen oder Kommentare zur Quelle oder zu einer bestimm­ten Aussage muss man ebenfalls klar kennzeichnen - sei es indem man sie grafisch abhebt, sei es dass man sie an den Schluss der Inhaltsangabe unter «Kommentar» setzt.

g) Hilfreich sind auch Querverweise auf weitere Quellenbestände oder auf Fachlitera­tur, die man im weiteren Verlauf der Forschungsarbeit ebenfalls noch berücksichtigen sollte.

h) Oft eignen sich auch Grafiken oder schematische Zeichnungen, um die zentralen Informationen und den Aufbau der Quelle zu visualisieren.

B. Eingrenzung des Aussagebereiches

Nachdem im vorherigen Teil der Inhalt der Quelle erarbeitet worden ist, stehen nun die Aussagekraft und der Wert der mitgeteilten Informationen im Zentrum des Interesses. Dazu ist es notwendig, die Aussagen und Mitteilungen der Quelle kritisch zu hinter­fragen. Folgende Punkte sind zu beachten:

1. Zum Verfasser oder Zur Produzentin einer Quelle

• Wie steht der Verfasser oder die Produzentin der Quelle zu den darin beschriebenen historischen Ereignissen - räumlich, zeitlich?

• Gibt es Angaben über die spezifische Lage des Verfassers oder der Produzentin zum Zeitpunkt, als die Quelle entstanden ist? Persönliche Situation, wissenschaftliche, poli­tische Interessen, Betroffenheit usw.

• Jeder Darstellung von Sachverhalten, Auffassungen, Zielsetzungen, Thesen und Ar­gumentationen, die auch in Quellen zum Ausdruck kommen, sind von der soziopoli­tischen und soziokulturellen Position bzw. vom weltanschaulichen Standpunkt des Autors und der Produzentin der Quelle beeinflusst. Gerade diese ideologischen Vor­aussetzungen muss man in diesem Teil der Quellenarbeit kritisch hinterfragen.

• Welchen impliziten Grundannahmen des Autors liegen der Darstellung der Quelle zugrunde? Hinweise auf diese Frage findet man am ehesten da, wo die Quelle Wer­tungen enthält.

2. Zum verwendeten Teil der Quelle

• In welchen größeren historischen Kontext gehört die Quelle?

• Wie steht die Quelle zur historischen Wirklichkeit, wie man sie aus andern Quellen oder der Fachliteratur kennt?

• Werden wichtige Dinge verschwiegen? Werden bestimmte Aspekte hervorgehoben oder gar übertrieben? Werden Punkte eingebracht, die sonst nirgends erwähnt werden?

• Wenn man einen Quellenausschnitt verwendet: Wie steht diese Stelle zur ganzen Quelle? Handelt es sich dabei um einen zentralen oder einen marginalen Teil?

• Lassen sich sachliche und/oder logische Unstimmigkeiten festhalten?

3. Formale Aspekte

• Auch die formalen Bedingungen einer Quelle gilt es zu beachten. Darunter fallen Material, Form, Sprache und Stil. Auch sie wirken sich u. Ü. auf den Informations­gehalt einer Quelle aus.

Beim Erarbeiten der eben aufgeführten Fragen wird deutlich, dass das eine oder andere Problem in der inneren und äußeren Quellenkritik angesprochen und teilweise gelöst wurde. Tatsächlich hängen die Arbeiten innerhalb des quellenkritischen Teils eng mit der Quelleninterpretation zusammen.

Weiter dürfte klar geworden sein, dass viele Fragen nur dann beantwortet werden können, wenn man auf andere Quellen zurückgreift. Und schließlich wird man auch Fachliteratur heranziehen müssen, um Hintergründe ausleuchten und Quellenaussagen überprüfen zu können.

C. Bestimmung des Erkenntniswertes

Sobald der Aussagebereich der Quelle eingegrenzt ist, kann man zum Schlussteil der Quellenarbeit übergehen. Borowsky weist hier auf eine wichtige Gefahr hin, der wohl die meisten Historikerinnen irgendwann schon einmal erlegen sind: Da hat man sich so stark in die Quellenarbeit vertieft und dabei vergessen, dass «die Quellenarbeit nur Mittel zum Zweck ist»[26], nämlich zur Beantwortung von Fragen an die Vergangenheit und zur Rekonstruktion historischen Geschehens - soweit dies eben möglich ist. Quellenkritik, Quellenzusammenfassung und Quellenkommentar sind somit unabding­bare Vorarbeiten für die Bestimmung des Erkenntniswertes der Quelle in Bezug auf die eigene Fragestellung. Sollte man trotzdem einmal in die erwähnte Falle geraten, d. h. den Verlockungen der Quellenlektüre erliegen, hilft nur die konsequente Rückbesin­nung auf zwei Fragen:

«Was genau will ich zeigen?» bzw. «Was leistet die bearbeitete Quelle für die Beantwortung meiner Fragestellung?».

Die Rückkehr zur Ausgangsfragestellung hilft, sich aus dem Quellendickicht zu be­freien, den Stoff neu zu ordnen, Zwischenergebnisse festzuhalten, die Weiterarbeit zu gliedern und etwaige Leerstellen aufzudecken.

Hier folgt der letzte Schritt der Quellenarbeit - die problemorientierte Zusammen­fassung der Ergebnisse. Borowsky warnt an dieser Stelle vor der Vorstellung, die Zusammenfassung ergäbe sich - wie er schreibt -- «von selbst» aus den oben geschil­derten Stufen der Quellenarbeit, und schlägt vor, man solle die Teilergebnisse noch­mals auflisten und bündeln, «um sie den inhaltlichen und theoretischen Aspekten der Ausgangsfrage zuzuordnen».[27]

Vielfach macht der/die Historikerln die folgenden Erfahrungen:

• Quellenarbeit liefert nur halbwegs befriedigende Antworten.

• Die Ausgangsfrage war falsch oder "schief" gestellt; ein Teil der Arbeit ist scheinbar für die Katz gewesen. Vielleicht muss man die Ausgangsfrage modifizieren und/oder sich auf einen - statt wie anfänglich mehrere - Komplexe konzentrieren. Diese biswei­len frustrierende Erfahrung ist als wichtiger Teil der gesamten Forschungsarbeit zu werten und lässt sich mit den Gefühlen vergleichen, die einE Naturwissenschaftlerin nach einem missglücktem Laborversuch erlebt.

Die historische Quellenarbeit wird selten bis nie eindeutige Antworten liefern, fast immer sind mehrere Interpretationen eines Sachverhalts möglich und begründbar. Mit dieser Feststellung gelangt man wieder zur bereits zitierten Aussage Kosellecks über das «Vetorecht der Quellen».

 

 

 

6 Bibliographie

Bernheim, Ernst, Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichtsphilosophie, 3. und 4. neu bearbeitete und ergänzte Auflage, Leipzig 1903.

Borowsky, Peter, Barbara Vogel und Heide Wunder, Einführung in die Geschichtswissenschaft 1: Grund­probleme, Arbeitsorganisation, Hilfsmittel, 4. verbesserte Auflage, (Studienbücher Modeme Geschichte 1), Opladen 1980.

Droysen, Johann Gustav, "Grundriss der Historik (1856/57 und 1882)", in: Hardtwig, Wolfgang (Hg.), Über das Studium der Geschichte, München 1990.

Fuchs, Stephan, Erklärungsverfahren und Verstehensprinzip, in: Faber, Erwin, und Imanuel Geiss (Hg.), Arbeitsbuch zum Geschichtsstudium (UTB 1170), Heidel­berg 1983. S. 128-134

Goertz. Hans-Jürgen, Umgang mit Geschichte, Eine Einführung in die Geschichtstheorie, (Rowohlts Enzyklopädie), Reinbek bei Hamburg 1995.

Goertz, Hans-Jürgen (Hg.), Geschichte, Ein Grundkurs, (Rowohlts Enzyklopädie), Reinbek bei Hamburg 1998.

Goertz, Hans-Jürgen, "Geschichte - Erfahrung und Wissenschaft", in: ders., Geschichte, Ein Grundkurs. S 37.

Hennig, Hans Christian, "Erklären - Ver­stehen - Erzählen, Die wissenschaftstheoretische Analyse der Historiographie", in: Rüsen, Jörn, und Hans Süss­muth (Hg.), Theorien der Geschichtswissenschaft, Düsseldorf 1980. S. 60-78.

Koselleck, Reinhart, "Ist Geschichte eine Fiktion?", in: NZZ-Folio, März 1995, S. 61.

Koselleck, Reinhart, "Standortbindung und Zeitlichkeit, Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt", in: Koselleck, Reinhart (Hg.), Vergangene Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 3. Auflage. (Suhrkamp Wissenschaft Weißes Programm). Frankfurt/Main 1984.

Nünning, Vera, und Ralf Saal, Uni-Training Geschichtswissenschaft: Einführung in die Grundstrukturen des Fachs und Methoden der Quellenarbeit, Stuttgart/ Dresden 1995.

Rüsen, Jörn und Hans Süssmuth (Hg.), Theorien in der Geschichtswissenschaft, (Geschichte und Sozialwissenschaften: Studien­texte zur Lehrerbildung Band 2), Düsseldorf 1980.

Talkenberger, Heike, "Historische Erkenntnis durch Bilder: Zur Methode und Praxis der Historischen Bildkunde", in: Goertz, Geschichte, Ein Grundkurs, S. 83-98.

 



[1] Koselleck, Reinhart, Ist Geschichte eine Fiktion?, in: NZZ-Folio, März 1995, S. 61.

[2] Droysen, Johann Gustav, "Grundriss der Historik (1856/57 und 1882)", in: Hardtwig, Wolfgang (Hg.), Über das Studium der Geschichte. München 1990, S. 94. Die «Historik» Droysens prägt die Geschichts­wissenschaft bis heute und findet ihren Niederschlag in vielen Einführungsbüchern. Für Jörn Rüsen ist die «Historik» «hinsichtlich ihrer systematischen Anlage und ihres Reflexionsniveaus das bedeutendste theoretische Werk des Historismus.» Rüsen, Jörn, Theorien im Historismus, in: Rüsen, Jörn und Hans Süssmuth (Hg.), Theorien in der Geschichtswissenschaft Düsseldorf 1980, S.21

[3] Beim folgenden Abschnitt handelt es sich um einen Entwurf, der in einer späteren Version dieses Grundlagenpapiers überarbeitet werden soll und der sieh noch ausführlicher mit dem «hermeneutischen Problem» in der Geschichtswissenschaft beschäftigen wird. Empfehlenswert für dieses zentrale Thema: Goertz, Hans-Jürgen (Hg.), Geschichte, Ein Grundkurs, (Rowohlts Enzyklopädie), Reinbek bei Hamburg 1998. Besonders empfehlenswert sind die Texte von Ulrich Muhlack (S. 99-131), Thomas Welskopp (S. 132-169) und Friedrich Jäger (S. 724-756). Vgl. auch: Hennig, Hans Christian, Erklären - Ver­stehen - Erzählen, Die wissenschaftstheoretische Analyse der Historiographie, in: Rüsen, Jörn, und Hans Süss­muth (Hg.), Theorien der Geschichtswissenschaft, (Geschichte und Sozialwissenschaften: Studien­texte zur Lehrerbildung Band 2), Düsseldorf 1980, S. 60-78; Fuchs, Stephan, Erklärungsverfahren und Verstehensprinzip, in: Faber, Erwin, und Imanuel Geiss (Hg.), Arbeitsbuch zum Geschichtsstudium, Heidel­berg 1983 (UTB 1170), S. 128-134. Goertz. Hans-Jürgen, Umgang mit Geschichte, Eine Einführung in die Geschichtstheorie, (Rowohlts Enzyklopädie), Reinbek bei Hamburg 1995, S. 105-146.

[4] Nünning, Vera, Saal, Ralf, Uni-Training Geschichtswissenschaft: Einführung in die Grundstrukturen des Fachs und Methoden der Quellenarbeit, Stuttgart, Dresden 1995, S. 42.

[5] Borowsky, Peter, Vogel, Barbara, Wunder, Heide, Einführung in die Geschichtswissenschaft 1: Grund­probleme, Arbeitsorganisation, Hilfsmittel, 4. verbesserte Auflage, (Studienbücher Modeme Geschichte 1), Opladen 1980, S. 121.

[6] Es gibt verschiedene Gründe für das Fehlen von Quellen zu bestimmten vergangenen Ereignissen: absichtliches Zerstören von Spuren, Archiven und Dokumenten, dann das nachträgliche Tilden dunkler Seiten der Vergangenheit, das männerzentrierte Geschichtsbild und dessen Folgen für das Geschichtsver­ständnis und die Errinerungskultur

[7] Vgl. unten.

[8] Koselleck, Reinhart, Standortbindung und Zeitlichkeit, Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt, in: Koselleck, Reinhart (Hg.), Vergangene Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, 3. Auflage. (Suhrkamp Wissenschaft Weißes Programm). Frankfurt/Main 1984, S. 204f.

[9] Koselleck, Standortbindung, S. 205

[10] Koselleck, Standortbindung, S. 206

[11] Nünning, Saal, Uni-Training, S. 43.

[12] Goertz, Hans-Jürgen, Geschichte - Erfahrung und Wissenschaft, in: ders., Geschichte, Ein Grundkurs. S 37.

[13] Nünning,  Saal, Uni-Training, S. 42.

[14] Bernheim, Ernst, Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichtsphilosophie, 3. und 4. neu bearbeitete und ergänzte Auflage, Leipzig 1903.

[15] Diese Feststellung trifft für das Historische Seminar der Universität Zürich ebenso zu wie für die unten angeführte Literatur. Einzig Nünning/Saal, Uni-Training, schlagen in ihrer Einführung einen anderen Ansatz vor.

[16] Borowsky, Einführung S. 126-149.

[17] Vgl. die verschiedenen Beiträge eher Spezialdisziplinen, Konzeptionen der Geschichtswissenschaft  und Interdisziplinarität bei Goertz, Geschichte Ein Grundkurs.

[18] Die Verwendung des Daten-Begriffs wirkt sich u. U. auch auf den Umgang und die Aufbewahrung histo­rischen Datenmaterials aus.

[19] Eine sehr gute Einführung bei Talkenberger, Heike, Historische Erkenntnis durch Bilder: Zur Methode und Praxis der Historischen Bildkunde, in: Goertz. Geschichte, Ein Grundkurs, S. 83-98.

[20] Der folgende Abschnitt beruht hauptsächlich auf Borowsky, Einführung, S. 157-176­

[21] Vgl. zur Geschichte der Historiographie: Rüsen Theorien im Historismus, S. 13-33.

[22] Borowsky, Einführung, S. 158.

[23] Borowsky, Einführung, S. 160.

[24] Borowsky, Einführung, S. 163.

[25] Vgl. das Grundlagenpapier "Wissenschaftliches Lesen, Texterarbeitung, Zusammenfassen und Exzerpie­ren", S. 6-10.

[26] Borowsky, Einführung, S. 173.

[27] Borowsky, Einführung, S. 174.